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An Renzo C., Houston, Texas, 11. Februar 1997

Lieber Renzo! Am Samstag, d.h. vor drei Tagen, habe ich die berühmten bärtigen Männer und ihre Ziegen verlassen. Seit Sonntag bin ich in Houston (Texas) bei Dennis und Shelley und ihren beiden Kindern Skye und Gabriel . Dennis und Shelley kenne ich von der Ecole her; ihre Kinder habe ich zwar schon einmal gesehen - doch, da sie damals noch sher klein und unser Zusammensein nur sehr kurz war, lerne ich sie erst jetzt ein wenig kennen. Dennis ist Pädagogikprofessor hier in Houston, und er hat vor einiger Zeit eine Diss über Geheeb und die Zeit des Nationalsozialismus gemacht. Du kannst Dir vorstelen, dass wir da u.a. auch reichlich "fachsimpeln".

Da ich hier Zugang zu einem Drucker und zu einer funktionierenden Post habe, will ich die Gelegenheit benützen, Dir wenigstens ganz kurz zu schreiben. In Tennessy, bei den bärtigen Männern, war das Briefschreiben oder besser das Ausdrucken und Verschicken der geschriebenen Briefe ziemlich kompliziert, denn - naja: Wo gibt's ein Couvert? Wer hat einen Luftpostkleber? Wer weiss wie der Drucker im Büro funktioniert? Und wie bringt man den Drucker dazu, auch alle Umlaute - ä, ö, ü - zu drucken? Wer fährt demnächst einmal in "die Stadt" - ein kleines Kaff! - und kann meine Sachen mit auf die Post nehmen ... Du kannst Dir vorstellen, dass ich da nicht viel geshrieben habe!

Ich habe während meiner ca. 6 Wochen, die ich jetzt bereits in den USA bin u.a. - und davon will ich Dir zuerst schreiben - ziemlich Viel über AIDS nachgedacht, denn ich bin hier viel intensiver als in Europa mit dem Thema in Berührung gekommen. Ich glaube, ich habe hier zum ersten Mal mit Menschen, die selbst HIV-positiv sind, über ihre Situation gesprochen, und ich habe zum ersten Mal wissentlich über längere Zeit - zweieinhalb Wochen - mit drei oder vier Leuten zusammen gewohnt, die HIV-positiv waren. Das hat mir Alles ziemlich zu denken geben: Zum Einen habe ich mir vorgenommen - und werde mich auch daran halten - in Sachen Sex noch vorsichtiger zu sein als bis anhin. Konkret denke ich, dass im Grunde Alles, was Mund oder Hintern miteinschliesst - alles Anale und Orale - nicht wirklich sicher ist, auch wenn jemand "aufpasst", und auch wenn wir "nur ein jBisschen". Also verzichte ich in Zukunft darauf. Ich glaube, dass ich das kann, weil ich ohnehin nicht so scharf auf diese Dinge (lutschen etc. etc.) bin. Ich habe dies für mich so beschlossen, weil ich hier zum ersten Mal richtig gemerkt habe, dass ein kleiner Ausrutscher, eine kleine Panne  genügt, um sich lebenslänglich mit dem HIV-Virus zu infiszieren. Natürlich war mir das rein gedanklich auch vorher klar. Doch in mein Gefühl ist es erst in diesen Wochen eingesickert - z.B. im Gespräch mit Keer, einem 29-jährigen Mann, der seit 4 oder 5 Jahren im Short Mountain Sanctuary (der Kommune in Tennessy) lebt, und der letztes Jahr erfahren hat, dass er HIV-positiv ist. Ein Bisschen oral und ein Bisschen anal mag wirklich niht so gefährlich sein, aber wenn nur jedes fünfzigste oder fünfhundertste Mal etwas passiert, dann ist das für mich zu unsicher. Vor allem, wenn ich höre, dass in New York oder San Francisco rund 50% der schwulen Bevölkerung HIV-positiv sind! - Ich glaube zwar, dass ich mit einer solchen Diagnose irgendwie zurecht käme (ich mute mir zu, dazu philosophisch genug zu sein) -, ich merke aber, dass ich auf meine längere Lebenserwartung nicht verzichten will, wenn ich nicht muss oder anders, dass ich sehr gerne länger leben würde als die fünf oder 10 Jahre, mit denen ich als HIV-Positiver noch rechnen könnte! - Ich schreibe Dir das, lieber Renzo, weil ich nicht möchte, dass Du aus Nachlässigkeit oder Geichgültigkeit in etwas hineinschlitterst, was Du nachher nicht mehr wieder "gut" machen kannst. Vielleicht solltest Du Deine Sex-Regeln ebenfalls überdenken und Dir klarer darüber werden, wie weit Du Dich gehen lassen willst und wo Deine Grenzen sind. Wenn Du diese genau bestimmt hast, wird es einfacher, sich an sie zu halten. Ohne eigene Klarheit in der Sache lassen wir uns vermutlich immer ein wenig zu sehr treiben, liefern uns ein wenig zu Viel unserem Glück aus! Undmit Glück können wir einfach nicht immer rechnen bei einer solchen Sache! Also gell: überlege es Dir!

Etwas Zweites scheint sich in mir im Laufe der letzten Wochen verändert zu haben: Ich habe bis jetzt immer bedauert, dass ich als Jugendlicher und junger Erwachsener in Sachen Liebe und Sex so schüchtern war. Ich habe oft Diejenigen beneidet, die mit 16 oder 17 ihr grosses Coming Out und ihre ersten Liebesaffären haben oder hatten. Das Gefühl, hier etwas verpasst und in Sachen Sexualität einen relativ schwierigen Weg gehabt zu haben ist zwar noch da, aber in den letzten Wochen habe ich sehr oft gemerkt, dass dieser "schwierige Weg" für mich auch ein Schutz war. Wäre ich so ein unbeschwerter Frühstarter gewesen, so wäre ich inzwischen vielleicht bereits tot, denn wer weiss, wo ich in den späten 70er und den frühen 80er Jahren überall herumgeliebt und herumgevögelt hätte! Ich war 1979 in den USA, wäre vielleiht auch länger geblieben, wegen des so aufregenden schwulen Lebens in den hiesigen Städten. Ich war in den 70er Jahren mehrmals in San Francisco, war auch 1987 noch einmal dort. Wie viel Möglichkeiten hätte ich da gehabt, mich zu infiszieren während der zwei oder drei Jahre, in denen man von der ganzen Krankheit noch kaum etwas sicheres wusste. Wie ich mich kenne, hätte ich die ersten Gruselstories in der Presse bestimmt nicht ernst genommen, und 1983 oder 1984 - als man allmählich begriffen hatte, um was es geht - wäre es eventuell längst zu spät gewesen für mich! Wie gesagt: Auch dieser Gedanke ist neu, und ich war in den letzten Wochen zum ersten wirklich dankbar über meinen "schwierigen Weg" -, es scheint fast, als ob er eine Art Privileg, ein besonderer Schutz und nicht (wie ich immer gemeint habe) eine besondere Last gewesen ist. Dieser Gedanke macht mich dankbar!

Und sonst? - Naja. Einen rihtigen Durchbruch -, die grosse Veränderung oder Erkenntnis hat meine Reise noch nicht gebracht. Ich war phasenweise sehr heimwehkrank und habe mich oft gefragt, weshalb ich jemals auf die idiotische Idee kommen konnte, mich freiwillig für über ein halbes Jahres aus meinem lieben Basel zu entfernen. Gerade in den letzten Wochen vor meiner Abreise hatte ich so oft das Gefühl, wirklich nach Basel (oder in die Schweiz) zu gehören; ich habe meine Verbundenheit mit so vielen Menschen in dieser Zeit sehr gespürt. Seit einiger Zeit scheint das Heimweh jedoch abzunehmen; irgendwie gewöhne ich mich ans weg- und ans unterwegssein. Allerdings merke ich auch, dass ich im Grunde nicht mehr sehr viel herumreisen will, dass ich zur Zeit weniger Lust auf Abenteuer und Abwechslung, sondern viel mehr Lust auf Ruhe und Zeit für mich habe. Ich habe deshalb beschlossen, mich irgendwo an der Westküste für einige Zeit niederzulassen; dies könnte in San Diego sein, wohin ich morgen oder übermorgen aufbreche. Dort (direkt am Pazifik!) wohnt Franks (ehemalige) Frau Cathrin, die ich gut kenne. Ich könnte eventuell bei ihr oder bei Freunden von Frank wohnen. Vielleicht fahre ich auch ein Stückchen Küste aufwärts und richte mich in Ohai ein. Dort gibt es ein Krishna Murti Zentrum - sehr schön gelegen, mit guter Küche, mit einer Bibliothek etc. -, von dem ich seit einigen Jahren imer wieder gehört habe, und dessen einen Mitbegründer ich seit langem kenne. Du siehst also, wohin meine Gedanken gehen und wohin bald auch mein ganzer Körper geht. Das Bedürfnis, für einige Zeit in einer "schwulen Umgebung" zu sein, ist zur Zeit nicht mehr besonders stark da - ich sehne mich mehr nach Büchern, nach guten Gesprächen, nach Tiefe, nach Ernsthaftigkeit, nach engagierten Menschen - engagiert für etwas, was ü"ber ihr persönliches Wohlergehen, über den nächsten Joint oder die nächste Party hinaus geht!

So gesehen war auch die schwule Landkommune, das "Short Mountain Sanctuary" eher eine Enttäuschung oder vielleicht sollte ich sagen: eine heilsame Erfahrung -, heilsam, weil ich wieder einmal gemerkt habe, dass es nicht die "schwule Umgebung" ist, die mein Lebensglück ausmacht. Ich brauche andere Dinge dringender und mehr! Ob ich sie da finde, wo ich jetzt hingehe ... On verra! Ich hoffe es, denn gut täte es mir!

So. Jetzt will ich Schluss machen, um noch ein wenig mit Shelley zu plaudern und ein paar Telephonate zu erledigen. Das Reisen - zumindest das Reisen mit rollender Planung, so wie ich es hier betreibe - ist paradoxerweise oft sehr planungsintensiv, d.h. ich muss leider oft ziemlich heftig in der Weltgeschichte herumtelefonieren, um die nächste Etappe der Reise zu organisieren: Wann Buss? Wo übernachten? Bei wem???

Also dann, mein lieber guter Renzo! Ich hoffe es geht Dir gut! Ich hoffe, dass Du immer mehr Bärenkräfte entwickelst, um in diesem Leben zurecht zu kommen! Denk einfach daran, dass Du (jetzt kriegst Du es wieder einmal schwarz auf weiss) intelligent und stark, ein musikalisher Mensch und ein guter Beobachter und überhaupt ein sehr talentiertes Wesen bist. Lass Dich nicht unterkriegen -, lass Dich auch innerlich nicht ins Jeckchen drängen. Du hast etwas zu sagen! Mach Dich nicht kleiner als Du bist und lass Dich nicht kleiner machen als Du bist! Forza, forza forza! Du bist auch physisch stark, glaub mir! - Ganz viele liebe Grüsse und viele viele gute Wünsche, Martin