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Epilepsie und ... nichts vergessen

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Epilepsie und ... nichts vergessen

Ich habe alles vergessen und alles ist da. Was bedeutet mir zum Beispiel Blindheit? Hat es jetzt noch eine Bedeutung? Bedeutet es mehr als früher? Was bedeutet jetzt Schwulsein? Was bedeutet mir Lähmung? Was bedeutet mir das Laufen und der Rollstuhl, in dem ich jetzt sitze? Was bedeutet mir Vergesslichkeit? Verdränge ich, was ich nicht wissen will? Ich bin vielleicht ein anderer Mensch geworden, und ich bin gleichzeitig unverändert der gleiche geblieben oder ...?

Verwunderung


Interessanterweise kann ich vieles ganz leicht loslassen! Klavier und Klarinette, Handorgel und all die anderen Instrumente sind unterhaltsam, aber wichtig sind sie mir nicht mehr. Die Zeit der Alternativschulen war einmal spannend, auch die diversen Kurse und Zeitungsartikel, die ich damals geschrieben habe. Auch Paul und Edith Geheeb-Cassirer waren für mich zwanzig Jahre lang wichtig, aber jetzt sind sie auch hinter mir. Die Habilitation, auf die ich heimlich stolz gewesen bin, bedeutet mir nichts mehr. Ich bin daran gescheitert, rückblickend aber ist es sehr gut gewesen, weil ich mich so nochmal aufraffen konnte, ein weiteres Stück Welt zu sehen ehe es für mich zu spät ist.

Es kam für mich ein bisschen plötzlich, im Niger im August 2013, aber jäno! Die Ideen dahinter bleiben!

Auch das nicht-Nachdenken ist schon vor dem Hirnschlag immerwider Thema gewesen. Ich bin immer wieder traurig und deprimiert, und dann wieder fröhlich und interessiert. Vielleicht ist das Tempo mit dem das jetzt geschieht, was mich "anders" macht. Ich bin viel langsamer geworden, ich bin jetzt im Rollstuhl und Französisch kann ich - vielleicht? - nie mehr reden wie damals.


Ich glaube, es fehlt wirklich etwas. Eine Ader im Gehirn ist geplatzt und das Blut ist ins Hirn ausgelaufen. Aber was verändert das in mir? Ich brauche jetzt viel mehr Menschen, die mir helfen. Aber -, ja, es ist vielleicht auch innerlich etwas anders geworden: ich muss die Menschen "näher" an mich ranlassen. Ich vergesse so viel, dass ich viel mehr fragen muss. Aber muss ich das oder tue ich das aus alter Gewohnheit?

Rückschau

Ich hatte im August 2013 einen Hirnschlag. Rückblickend war es irgendwie dramatisch, aber innerlich war es für mich eher interessant. Damals war ich in Afrika. Dort konnte man nichts tun ausser warten wie mein Leben langsam erlischt. Vier Tage später brachte man mich daher in die Schweiz.

Ich war schon ziehmlich weggetreten, sodass ich keine Erinnerung an das Uni-Spital in Basel mehr habe, ausser das mich ein Mensch in den Spalentorweg gefahren, und ich einige Kleider geholt habe. Andere haben mir erzählt, dass wir noch im Uni-Spital einige male bei Hans und Ilse, in einer Beiz oder bei Freunden gewesen sind.

Im Rehab ging's mir besser. Ich habe das Gefühl, dass ich auch viel präsenter war als nach der Epilebsie zwei Jahre danach. Ich konnte damals noch sehr schlecht Sprechen. Verstanden habe ich alles. Ich habe immerwieder versucht, meine anliegen und Meinungen zu formulieren, aber vorallem den Ärzten und Ärztinnen gegenüber hatte ich einen schweren Stand. Ich glaube, ich war zu ungeduldig, weil ich mich so schlecht ausdrücken konnte. Einige haben es begriffen, die meisten haben es nicht begriffen. Ich habe mich bemüht, geduldiger zu sein, aber Geduld war und ist nicht meine Stärke. Ich nahm als Selbstverständlich an, dass die Pfleger und Pflegeninnen und alles, was da Wuselte und Kreuchte, wussten wie mit mir umzugehen sei.

Im Rollstuhl zu sitzen war für mich eine Qual. Wenn wir redeten, dann ging es, aber wenn ich etwas brauchte, auf die Toilette oder raus gehen wollte, dann konnte ich mich schnell aufregen, weil "sie" nicht gerade begriffen! Aber - ich geb's zu! - ich habe auch mühe, die Hände des anderen zu Berühren oder zu sagen, 'ich seh's nicht! Sie müssen's mir in die Hand geben oder so beschreiben, dass ich's mir vorstellen kann.

Auch da begriff ich nicht, dass ich meine Erzieher erziehen sollte, anstatt auszurassten. Vorher ging ich einfach auf's WC, wusch mir die Hände oder ich wuslte herum, um einem Menschen etwas zeigen zu können, oder ich nahm den Blindenstock und ging raus in die Welt. Aber einhändig und im Rollstuhl ging es nicht mehr. Es ist mühsam, das immerwieder zu sagen. Es ist mühsam, immerwieder zu fragen, wer ist hereingekommen oder rausgegangen. Viele begreiffen das nicht. Sie sind mehr und mehr angestellt als Maschine und nicht als Mensch.

Im Dezember 2013 wollte ich es noch einmal probieren. Ich konnte damals wieder ein bisschen laufen, und Reden. Also flog ich in den Niger, weil ich meinte, ich wäre dort aufgehobener als in der Schweiz. Anstatt drei Monate blieb ich aber nur zwei Wochen. Vor Weihnachten war ich wieder da. Warum kam ich so schnell zurück? Ich weiss es nicht. Vielleicht hatte es mit dem Französisch zu tun, dem Moussa hilflos gegenüber stand.

Warum schreibe ich das alles überhaupt nochmal auf. Die Weihnachtsferien in Zweisimmen, ich und die Malaria, wieder im Rollstuhl, nochmal im RehaB, der hoffnungsvolle Sommer 2014 und der Beinbruch im Herbst, einmal Rönken und dann will ich nicht mehr, 4 Wochen in Rheinfelden, im März 2015 endlich nochmal gerönkt und operiert, die Epilepsie, der Sommer im Felix-Platter Spital, vieles Vergessen, aber weil ich es nicht wiedererkenne, stört es auch nicht, wenn ich es nicht wiedererkenne, dann, in der Sperrstrasse zuerst alles neu, nach und nach kann ich mich an einzelne Sachen erinnern, WG-Partner wider willen aufgenommen, Lungenentzündung, wieder im Rollstuhl sitzend und wartend, viele Dinge verschenkt, weil ich wieder einmal meinte, ich sterbe, endlich bei der Ärztin, Lungenentzündung festgestellt, Antibiotica gegriegt, Wohnungen angeschaut, Auflösung des Vereins Darsilamano, den wir vor vier oder fümf Jahren gegründet haben, im 2016 geht es mir besser, Wohnungen und Heime nicht mehr dringend, auch mit Laufen ging's besser, den Rollstuhl brauchte ich nicht mehr, viel mit Robin, einem der Assistenten, spatziert, im Sommer 2016 kamen zwei neue WG-Menschen, im Herbst noch ein dritter, alle Argentinier mit Schweizer und Italienischer Abstammung, ich habe ein bisschen mehr Mumm, die Argentinier tuen mir gut, im Februar 2017 Darsilamano 2 gegründdet, im Sommer vor allem mit Andres, einem Freund, viel spatziert, die Idee zurück in den Kongo zu gehen - ich war sieben Jahre lang nicht mehr dort gewesen! - wird konkreter, im Sebtenber 2017 nochmal operiert, schiefgegangen, jetzt entgültig im Rollstuhl, umgezogen, 2018 verreise ich zum ersten mal wieder in den Kongo, allein und mit gemischten Gefühlen, aber so herzlich aufgenommen, dass ich wenigstens für den Moment weiss was ich tun will und muss ...

Ich bin gleich und gleichzeitig anders

Ich bin blind. Ich bin Lahm. Ich bin im Rollstuhl. Ich bin ganz vergesslich geworden. Auch die Sprache ist nicht mehr das was sie einmal gewesen ist. Ich bin drei oder vier mal fast gestorben, aber gut, ich bin noch da und eigentlich bin ich derselbe wie we und je. ausser ...

ja etwas ist ganz anders geworden, oder doch nicht? . Ich bin viel mehr auf menschliche Hilfe angewiesen, wenn ich es annehme. Aber ist das eine wirkliche Behinderung? Angenommen ich würde alles selber tun, wäre ich dann entgültich Enthindert, und was würde mir das bringen? Wäre das ein Durchbruch und ein Sieg? Wäre das die Lösung aller unserer Probleme? Vielleicht habe ich verlernt, wirklich zu komunizieren.

Wir sind soziale Wesen. Nur wenn uns die Fähigkeit entgültig abhanden kommt zu kommunizieren, dann ist es wirklich schlimm mit uns bestellt. Ich bin jetzt nochmal sehr anders als andere, aber bin ich wirklich anders als andere? Klar, ich habe andere Interessen als du und du und du! Ichhabe andere Hobbies und Gewohnheiten! Ich kann nicht mehr Duschen oder ins Bett gehen wie die meisten von euch.. Aber gleichzeitig bin ich immernoch ein Mensch, nicht ein Frack und nicht ausgemustert!

Copy 2018 Martin Näf