Und nun stehe ich einer grundlegenden Frage gegenüber: Welchen Wert hat das Sehen für uns? Wozu dient uns das Sehen? Und ich bemerke, daß niemand darauf ernsthaft antwortet, weder die Sehenden noch die Blinden. - Jacques Lusseyran

Ein Kämpfer, ein Verzweifelter, einer, der es wissen wollte: James Holman, der "blinde Reisende"

James Holman war einer der bekanntesten englischen Forschungsreisenden der 1830er und 1840erjahre. Sein in London zwischen 1834 und 1838 erschienener Bericht über seine „Reise um die Welt“ war ein Bestseller. Das pikante dabei: Holman war blind.

Der 1786 in armen Verhältnissen in Exeter geborene James Holman hatte schon einige Jahre in der englischen Flotte gedient als er um 1810 erkrankte und zwei Jahre später - als folge davon - ganz erblindete. Er wurde daraufhin als Kriegsheld aus dem aktiven Dienst entlassen und erhielt eine Ehrenstellung und lebenslängliches Wohnrecht auf Schloss Windsor. Doch statt sich über diese Gnade zu freuen und dem Staate oder dem König dankbar zu sein, dass man ihn nicht einfach auf die Strasse gesetzt hatte, litt er unter seiner erzwungenen Untätigkeit und unter seiner andauernden Abhängigkeit. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass es mit dem Reisen tatsächlich für immer vorüber sein sollte.


Zu Beginn der 1820erjahre gelang es ihm schliesslich, seinen fürsorglichen Freunden und Gönnern zu entrinnen und sich auf's europäische Festland abzusetzen. Er plante nichts geringeres als eine Reise um die Erde und zwar von Europa aus immer ostwärts. Doch es kam anders: er wurde auf dem Weg von Moskau nach Wladiwostok als Spion verhaftet und an die russische Westgrenze zurückgebracht. Nach einigen Monaten war er wieder in England. So gesehen war diese Reise ein Flopp, aber sie hatte ihm gezeigt, wozu er trotz seiner Blindheit und seiner geringen finanziellen Mittel fähig war.


1827 hatte er seine besorgten Vorgesetzten endlich davon überzeugt, dass er wegen seiner andauernden gesundheitlichen Probleme und seiner kaputten Nerven unbedingt für eine Weile an die afrikanische Sonne müsse. Er erhielt Urlaub und brach zu seinner wohl längsten und ergiebigsten Reise auf. Sie dauerte fünf Jahre.


Zurück in London begann Holman - an Leib und Seele genesen - seine Beobachtungen und Erlebnisse entlang der afrikanischen Küste, in Asien, Australien und Amerika niederzuschreiben. Die vier zwischen 1834 und 1838 veröffentlichten Teile seiner "Voyage around the World" wurden sofort zum Bestseller. Holmans Leistungen als Naturforscher und Ethnologe wurden mit denjenigen von Charles Darwin und Alexander von Humboldt und ähnlichen Berühmtheiten verglichen. Die Tatsache seiner Blindheit erweckte Staunen und Bewunderung; sie machte ihn jedoch auch verwundbar. Kritiker stellten die Verlässlichkeit seiner Mitteilungen in Frage, da Holman sich bei seinen Forschungen ja nicht auf eigene Beobachtungen, sondern lediglich auf die Aussagen Dritter stützen könne. Holmans Stern begann denn auch bald wieder zu sinken. Er unternahm noch eine Reiehe weiterer Reisen, doch schon in den 1840erjahren interessierte man sich kaum noch für seine Reiseberichte.

Holman starb, verarmt und beinahe vergessen, 1857 in London. Die "Linean Society", deren Mitglied Holman gewesen war, widmete ihm einen Nachruf, der sich allerdings im wesentlichen auf die Aufzählung der von ihm bereisten Länder beschränkte. Eine Weile fand man Holmans Namen noch in einschlägigen Fachbüchern und Lexika. Dann wussten auch diese nichts mehr von ihm.


Dass wir Holman heute wieder kennen ist das Verdienst des amerikanischen Autors Jason Roberts. Er veröffentlichte 2006 eine gut recherchierte, ausführliche Biographie dieses eigenartigen, in seiner Entschlossenheit und Härte gegen sich selbst gelegentlich auch erschreckenden menschen. Der Titel des Buches: „A Sense of the World – how a Blind Man became History's Greatest Traveller“. In Geo Saison 09, 2007 erschien ein auf dieser Biographie beruhender Artikel, der – gelesen von Matthias Unger – auch auf GeoAudio veröffentlicht wurde.


Schliesslich findet sich der 1. Band von Holmans „Voyage around the World“ als E-Text auch im Projekt Gutenberg. Zu Beginn dieses Bandes äussert Holman sich relativ ausführlich darüber, was das Blindsein für ihn bedeutet und wie es seine Reisen beeinflusst. Da Holman sonst kaum über diese Dinge schreibt, habe ich die betreffenden Seiten übersetzt, um sie hier nicht nur im Original , sondrn auch auf deutsch zur Verfügung stellen zu können, denn egal was wir über Holman und seine Reisewut denken: Seine Geschichte ist auch in heutiger Zeit noch aussergewöhnlich.


© Martin Näf 2009


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