Blind in der Wildnis: NZZ am Sonntag, 19. Juni 2011

Der Schweizer Martin Näf reist durch die abenteuerlichsten Regionen derWelt – ohne etwas zu sehen. In Ostkongo ist er soeben zum Rektor einer winzigen Universität gewählt worden. Von David Signer

Der 55-jährige Martin Näf ist Erziehungswissenschafter, als Experte für Alternativ-Pädagogik Autor mehrerer Bücher und leidenschaftlicher Reisender. Vor ein paar Jahren fuhr er auf dem Landweg via Türkei, Iran und Pakistan nach Indien. Nun ist er von einer sechsmonatigen abenteuerlichen Reise durch Marokko, Mauretanien, Mali, Burkina Faso und Ostkongo zurückgekehrt. Was er selbst dabei nicht allzu sehr in den Vordergrund rücken möchte, was für Aussenstehende jedoch fast unglaublich klingt, ist die Tatsache, dass Martin Näf blind ist.

An diesem Juni-Nachmittag ist Näf ins bernische Goldern gekommen, um an der Ecole d’Humanit´e einen Vortrag über seine Reisen zu halten. Er ist dem Internat verbunden, weil er hier lange unterrichtet und ein Werk über dessen Gründer Paul und Edith Geheeb-Cassirer publiziert hat. Im Jahre 2004 reichte er das Werk als Habilitationsschrift an der Universität Zürich ein und war ein wenig ratlos, was er als Nächstes unternehmen sollte.

Indien ist gar nicht weit weg


Er hatte im Laufe der Recherchen praktisch alle Orte besucht, die im Leben des Ehepaars Geheeb eine Rolle gespielt hatten, ausser Indien. «Als ein weltkundiger Freund mir sagte, dass es nach Indien eigentlich gar nicht weit sei – Italien, Mittelmeer, Türkei, Iran, Pakistan und schon bist du dort! –, da wusste ich: Ich fahre nach Kolkata und Santiniketan, während die hohen Herren und Damen in Zürich beschliessen, ob sie meinen Schmöker als Habilitation annehmen oder ablehnen wollen», erzählt Näf. «Es war nicht meine erste Reise, doch die erste, die mich in eine ganz andere Welt führte.»

Wenn man Näf naiv fragt, wie Blinde eigentlich reisen, besonders in schwierigen Ländern, so stellt er als Antwort die Frage in Frage. «Den Blinden», sagt er, gebe es sowenig wie «die Frau», «den Hammerhai» oder «die Reise». In seinem Fall ist es so, dass er ein ausgesprochener Individualreisender ist, mit Rucksack, Schlafsack, Mut und Offenheit. Aber auch er räumt ein, dass er die Welt nicht wie die sehenden Menschen zu 80 oder 90 Prozent mit den Augen, sondern durch die andern Sinne wahrnimmt, und das macht schon einen Unterschied.

Näf hat an diesem sonnigen Sonntag keine Lust, nach dem Mittagessen in der Mensa zu bleiben, und führt die ortsunkundigen Besucher durch die Schulgänge zum Sportplatz, wo man auf den Treppenstufen sitzen kann. Er erklärt, wie man bei ihm schon kurz nach der Geburt eine starke Sehbehinderung feststellte. Im zweiten Gymnasialjahr erblindete er endgültig. Nach der Matura ging er mit 19 für einen ersten Studienaufenthalt nach Oregon in die USA, arbeitete danach zum ersten Mal als Lehrer an der Ecole d’Humanité und studierte in den folgenden Jahren in Basel, Zürich, Bern und den USA bis zur Dissertation weiter.

«Ichweiss, dass ich verloren bin»


Auf Kontinenten wie Afrika zu reisen, ist schon für einen sehenden Menschen anspruchsvoll. Und erst für ihn? Näf unterbricht den Gedanken. «Vielleicht ist es für einen Sehenden manchmal schwieriger. Ich weiss von Anfang an, dass ich als Blinder eigentlich verloren bin, und versuche gar nicht, alles zu verstehen und mich allein mit einem Reiseführer durchzuschlagen.»

Er erzählt ein Beispiel. Er kommt mit dem Bus in einer neuen Stadt an. Chaos, Gedränge, von allen Seiten Stimmengewirr in für ihn fremden Sprachen. «Mir bleibt nichts anderes übrig, als jemanden anzutippen und zu fragen, ob er vielleicht Französisch oder Englisch spreche. Und dann, ob er ein günstiges Hotel in der Nähe kenne.

Eigentlich findet sich immer jemand, der mir behilflich ist. Ich bin mehr als Sehende darauf angewiesen, mich jemandem anzuvertrauen, und dadurch entstehen oft interessante Kontakte.»

Einmal kam er spät nachts in Dar es Salaam in Tansania an. Wie immer sprach Näf einen der Umstehenden an. Der meinte, es sei zu gefährlich, jetzt noch ein Hotel zu suchen, und nahm ihn «sicherheitshalber» auf den Polizeiposten mit. Näf war nicht ganz wohl dabei, aber der diensthabende Polizist erwies sich als sehr freundlich, brachte ihn zu einer Pension und schaute sogar am nächsten Tag nochmals vorbei.

Oft wird er gefragt, was er vom Reisen habe, wenn er die Dinge doch nicht sehe. Die Frage sei wie ein Stachel im Fleisch, sagt Näf. Einmal fiel er auf den Boulevards von Paris in eine Depression, weil der Verkehrslärm das Einzige war, das er von der vielgerühmten Pracht wahrnahm, und im türkischen Pamukkale konnte sich sein Begleiter noch so sehr abmühen, ihm die leuchtend weissen, von Wasser überspülten Kalksteinterrassen zu beschreiben – die angemessene Begeisterung wollte sich nicht einstellen. «Normalerweise gehe ich den sogenannten Sehenswürdigkeiten aus demWeg», meint er. «Sie sind im Grunde eine Folter für mich.»

Adoption in Afrika


Ihn faszinieren Begegnungen, Gespräche, der Prozess des Reisens selbst mit allen täglichen Problemen. Näf nimmt das Reisen als Metapher für das Leben.

«Probleme sind spannend», sagt er. «Sie sind Gelegenheiten, aus dem Haus der normalen Reaktionen und Denkmuster herauszutreten.»

In Nouakchott in Mauretanien lernte Näf Ousmane kennen, den umtriebigen Jugendausschuss-Vorsitzenden des Blindenverbandes. Dieser erklärte, wie es in Mauretanien läuft: Als Blinder ist man verpflichtet, betteln zu gehen, um der Familie nicht zur Last zu fallen. Ousmane wehrte sich schon als Kind gegen diese unwürdige Rolle, er wollte zur Schule gehen und einen Beruf erlernen. Schliesslich verstiessen ihn seine Eltern. Er war begeistert von Näf und schleppte ihn zwei Wochen lang von einem Treffen zum andern, wo der Schweizer von seinen Reisen erzählen und sein sprechendes Notebook vorführenmusste. Näf war der lebende Beweis, dass Ousmane, dieser mutige Rebell, kein weltfremder Phantast war.

«Interesse und persönliche Freiheit waren mir wichtiger als materielle Sicherheit», resümiert Näf seinen Lebensweg. «Neben gutbezahlter Arbeit habe ich deshalb immer wieder Dinge getan, die materiell kaum etwas einbrachten. Da ich keine Kinder habe, kann ich mir diesen nomadisch-neugierigen Lebensstil eher leisten als andere.» Was seine «Altersvorsorge» angeht, empfindet Näf Isolation und Sinnlosigkeit als grössere Risiken denn Armut. Eine Rente bezieht er nicht. So lange wie möglich tätig zu sein, ist für ihn keine Horrorvorstellung, sondern eine Hoffnung. Er stellt klar, dass er keine Altersvorsorge nach Schweizer Standard habe. «Ich bin nicht bereit, aus Sorge für ein vages Morgen heute faule Kompromisse mit meiner Freiheitsliebe und Neugier einzugehen.»

Als Näf später die Grenze von Burkina Faso nach Niger überqueren wollte, gab es Probleme mit dem Visum. Er steckte im Niemandsland fest. Mit Telefonaten, Teetrinken und Plaudern versuchten er und die Grenzbeamten, sein Problem zu lösen. Dabei umsorgte ihn ein junger Mann namens Moussa, der ihn plötzlich fragte, ob er nicht ein Kind wolle, das ihn führen könne. Näf war verwirrt, verstand nicht recht. Es stellte sich heraus, dass Moussa von sich selbst sprach. Er wollte, dass Näf ihn adoptiere. Näf hatte ihn auf etwa 14 geschätzt, es stellte sich aber heraus, dass er 25, verheiratet und Vater eines Babys war. Näf reiste mit Moussa, da ihm die Einreise nach Niger verweigert wurde, nach Ouagadougou zurück und verbrachte zwei spannende Reisewochen mit ihm, in deren Verlauf er ihn, `a l’africaine, «adoptierte».

Die letzte Etappe der Afrikareise begann, ein dreimonatiger Aufenthalt in Uvira im kriegsversehrten Ostkongo, wo Näf als Volontär an der Panafrican Peace University Englisch und Psychologie unterrichtete. Nach 5 Wochen intensiven Erfahrungsaustauschs wurde Näf zum Rektor der Lehranstalt gewählt. Trotz dem grossartigen Namen verfügt die winzige Institution kaum über Strom und Infrastruktur, die Bibliothek umfasst nur 250 Bücher. Aber Näf spürt etwas Visionäres hinter der Initiative; er liebt solche Herausforderungen. Im Herbst wird er nach Uvira zurückkehren, wenn möglich auf dem Landweg. «Fliegen ist wie Klappentexte lesen»», sagt er. «Man weiss danachalles, aber erlebt nichts.» Er zieht es vor, mittendrin zu sein, trotz allem.


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