"... Ein wahrlich beeindruckendes Werk". Rezension von Martin Näfs biographie von Paul und Edith geheeb-Cassirer

Mit dem zweiten Band hat Martin Näf seine umfangreiche Biographie über den Gründer der Odenwaldschule jetzt vollständig vorgelegt. Es ist ein wahrlich beeindruckendes Werk geworden, das in seiner Fülle an Material und in der einfühlsamen und doch immer distanziert bleibenden Darstellung kaum übertroffen werden kann. (Und wer den Autor einmal in seiner meist freien Rede erlebt hat, kann das Engagement nachvollziehen, das hinter dieser Arbeit steckt – auch wenn er von vielen darin unterstützt worden ist.)



Martin Näf 1998/2006: Paul Geheeb. Band 1 (1998): Seine Entwicklung bis zur Gründung der Odenwaldschule. Beltz, 449 S., 34,00 €; Band 2 (2006): Paul und Edith Geheeb-Cassirer. Gründer der Odenwaldschule und der Ecole d`Humanité. Deutsche, Schweizerische und Internationale Reformpädagogik 1910-1961. Beltz, 802 S., 49,90 €


Rezension von Jörg Schlömerkemper in: „Die Deutsche Schule“, Heft 3/07 (Aug. 2007)


Im ersten Band schildert Näf zunächst die persönliche Entwicklung Geheebs im Kontext der damaligen (er wurde 1870 geboren) politisch-gesellschaftlichen Situation. Solche Bezüge werden auch im zweiten Band für die Zeit bis zum Tod (1961) immer wieder hergestellt. Im Landerziehungsheim Haubinda bei Hermann Lietz (von 1902 bis 1906) und dann in Wickersdorf mit Gustav Wyneken (bis 1909) wird Geheeb als Pädagoge tätig. In der Auseinandersetzung mit diesen ‚Leitfiguren’ entfaltet sich seine Persönlichkeit, die Näf als eine außerordentlich einfühlsame nachvollziehbar macht. So wird verständlich, dass und warum Geheeb den Wickersdorfer „Kulturkampf“ nicht länger ertragen konnte und 1910 zusammen mit Edith Cassirer (seiner Ehefrau) im Odenwald eine eigene Schule gründete.


Den jetzt vorliegenden zweiten Band eröffnet Näf mit einer knappen, aber umso deutlicher formulierten Kritik an der bis in die jüngste Zeit reichenden Rezeption dessen, was unter dem Begriff „Reform-pädagogik“ verhandelt wird. Dabei macht er nebenbei auf Fehler aufmerk-sam, die in durchaus bekannten Werken auch renommierter Autoren zu finden sind.


In „Fünf Thesen zu Geschichte und Aktualität eines Begriffes“ (S. 29-31) fasst er seine Kritik zusammen: Der Begriff sei „ein Konstrukt mit umstrittener Sub-stanz“, die Reformpädagogik sei keineswegs eine einheitliche „pädagogische Bewegung“ (Nohl) gewesen, sondern umfasse zwischen nationalistisch, antisemitisch gefärbten Konzepten (Hermann Lietz) und sozialistischen Positionen (Fritz Karsen) manche sektiererische (Gustav Wyneken) oder konservativ positivistische (Maria Montessori) Person. Es fehle an „realgeschichtlichen Analysen“, die auf geeignete Quellen zurückgreifen bzw. diese konsequent aufarbeiten.


Diese Thesen können als eine Quintessenz dieser beiden Bände verstanden werden. Näf hat die geheebsche Variante der Reformpädagogik, die in der Odenwaldschule und seit 1934 in der Schweiz in der Ecole d`Humanité Gestalt gefunden hat, in außerordentlich vielen Details in ihren unterschiedlichen Phasen nachgezeichnet und dabei deutlich gemacht, wie schwierig es gewesen ist, eine pädagogische Utopie zu konkretisieren und sie gegen mannigfache politische und auch ökonomische Bedrängnisse zu behaupten. Besonders erfreulich ist es dabei, dass Näf keineswegs der Gefahr erliegt, die Person Geheebs zu verherrlichen – was dieser sicherlich nicht gerecht geworden wäre. Als Mensch ist er offenbar keineswegs ‚einfach’ gewesen, was ihn gleichwohl umso faszinierender erscheinen lässt.


Geheeb selbst hat sich im Verhältnis zu einigen Landerziehungsheimen durchaus als „Aussenseiter“ (S. 289) empfunden, stand aber mit vielen Persönlichkeiten (besonders durch intensive Brief-Kontakte) in regem Austausch und in intensiver persönlicher Beziehung. Dieses Spektrum macht Näf an vielen Personen (z.B. bei Bernhard Uffrecht und Martin Luserke) lebendig.


Die Lektüre dieser Bände ist außerordentlich anregend, teilweise bedrückend (besonders in den Jahren 1932 bis 34) oder emotional anrührend (etwa bei Geheebs Beziehungen). Der Text ist dabei immer ganz konkret und authentisch nachvollziehbar. Wenn man fragt, woher man diese Details so genau wissen könne, verweist Näf auf Quellen, die er vor allem im Nachlass von Geheeb gefunden hat. Ein ausführliches Register erschließt den Band in Hinblick auf Personen und Institutionen.


Mehr als 1200 eng gefüllte Druckseiten sind eine Menge, aber die Bände sind so faszinierend, dass sie nicht nur den Experten empfohlen werden können, sondern auch allen, die wie in einem historischen Roman nacherleben möchten, wie schwierig und doch lebendig das Leben in jenen Jahrzehnten gewesen ist.


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