Geht es mir gut, sehe ich. Interview mit Martin Näf in BEWEGT, Monatszeitschrift der Reformierten Kirche Ostermundigen, Juni 2012

Er reist allein per Bus und Bahn durch die USA, nach Pakistan, Indien und in den Kongo, oder ist mit dem Zelt im Schweizer Jura unterwegs. Das machen andere auch, nur: Martin Näf ist blind. In dieser Ausgabe von "Bewegt" beantwortet er einige Fragen unserer Redaktorin Hildegard Netos zum Blindsein, zu dem, was das Reisen für ihn interessant macht, und zur Rolle der Religion in der Welt und in seinem Leben..

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen ein Mensch sagt: «Ich glaube nur, was ich sehe»?



Ich würde ihn fragen, was er mit «sehen» meint. Geht es um die mechanische Arbeit der Augen, dann könnte er zum Beispiel an das Bundeshaus glauben. Das wird ihm absurd vorkommen. Er wäre vermutlich eher bereit, an die Ernsthaftigkeit oder die Inkompetenz dieses oder jenes Parlamentariers zu glauben. Aber kann man Ernsthaftigkeit sehen? Man kann sie erkennen, kann von ihr überzeugt sein, an sie glauben – körperlich sehen kann man sie nicht. Wenn wir «sehen» sagen, meinen wir meistens viel mehr, als die mechanische Arbeit der Augen. Ich finde es deshalb auch etwas irritierend, wenn Leute sagen, ich sei blind, nur weil meine Augen nicht mehr tätig sind. Denn wenn es mir gut geht, wenn ich mich mitten im Leben fühle, dann bin ich nicht blind, dann sehe ich.


Sie haben in den letzten Jahren alleine grössere Reisen gemacht, die manche sogar als gefährlich bezeichnen würden. Was nehmen Sie aus diesen Reisen mit?



Es sind vor allem die Geschichten, die mir die Menschen aus ihrem Leben erzählen. Dann sind es die Beziehungen und Freundschaften, die über die Begegnungen hinaus andauern. Und schliesslich ist es das Gefühl, dass die Welt viel freundlicher und wohlwollender ist, als sie von den Medien oft präsentiert wird.


Haben Sie auf Ihren Reisen Erfahrungen mit Kirchen gemacht?



Nein, nicht direkt. Ich habe jedoch vor allem in Afrika, aber auch in Pakistan und Indien viel Volksfrömmigkeit erlebt. Bei den sogenannt einfachen Leuten wird das Zusammenleben noch sehr durch die Gebote der Religion bestimmt. Man tut etwas oder tut es nicht, weil es im Koran oder in der Bibel steht. Ob ich es wirklich tun will, ist nebensächlich. Da spielen Angst und Anpassungsdruck eine Rolle, aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod. Diese Einstellung habe ich bei Hindus ebenso erlebt wie bei Muslimen und Christen. Persönlich habe ich sehr oft von dieser Frömmigkeit profitiert, denn zu ihr gehören in allen Religionen Tugenden wie Hilfsbereitschaft gegenüber Schwächeren, Respekt vor alten Menschen und Gastfreundschaft gegenüber einem Fremden. Ich habe auch erlebt, wie viel Trost arme Menschen in der Religion finden und wie viel Kraft und Würde ihnen das Gefühl verleiht, von Allah oder Gott ebenso geliebt zu werden, wie all die Reichen und Gebildeten von denen man im Alltag oft so unendlich weit weg ist. Im Osten des Kongo, wo ich im vergangenen Jahr drei Monate gearbeitet habe, hatte ich oft den Eindruck, dass die vielen, häufig sehr kleinen christlichen Kirchen für die unter schwierigsten Bedingungen lebenden Menschen der einzige Ort sind, an dem sie sich einigermassen geborgen fühlen. Diese tröstende Wirkung von Religion kann allerdings von Machthabern auch missbraucht werden, um das Volk ruhig zu halten.


Was bedeuten Ihnen persönlich die Kirche und Ihr Glaube?



Ich bin mit 20 Jahren aus der protestantischen Kirche ausgetreten, weil ich mit dem von ihr verkündeten «Glauben» immer weniger anfangen konnte. Ich habe nichts dagegen, dass Menschen an Geschichten glauben, doch für mich sind das Reden über «Gott» und Streitereien über den wahren Glauben letztlich eine Verschwendung von Ressourcen. Was mich interessiert, ist die im Christentum und anderen Religionen enthaltene Ethik und das konkrete menschliche Engagement derjenigen, die sich als gläubige Christen und Christinnen, Muslime oder Buddhisten bezeichnen. Da gibt es in allen Religionen beeindruckende Beispiele.


Trotz Ihrer Vorbehalte treten Sie in einer Kirche auf.



Warum nicht? Ich möchte Menschen erreichen, und diese finde ich überall, auch in einer Kirche.


Wäre Ihr Leben als Sehender anders verlaufen?



Ich denke manchmal, dass mich meine Blindheit vor der Versuchung geschützt hat, ein «ganz normales» Leben zu führen. Ich muss und musste mich vielleicht öfter als andere mit der Frage auseinandersetzen, was für mich möglich ist und wie ich zu meinem Ziel komme. Ich kann und konnte nicht einfach auf das zurückgreifen, was «man» so tut. Das Leben wird dadurch vielleicht etwas anstrengender, aber auch sehr reizvoll.


Interview Hildegard Netos
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