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Maschinen - Menschen - Maschinen: Wie lange noch?

Sowohl beruflich als auch privat haben wir heute nur noch sehr selten Zeit, einem Gedanken oder einer Frage wirklich nachzugehen. Wir werden von Terminen und Sachzwängen vorangeschoben und selbst, wenn wir uns zwischendurch die Zeit nehmen, einen Artikel oder gar ein Sachbuch von A bis Z zu lesen oder an einen Vortragsabend zum Thema Schule oder Nachhaltigkeit oder Alternativmedizin zu gehen, endet unser "Nachdenken" oft auf halber Strecke oder noch früher, weil sich ein anderes Thema vorgedrängt hat oder weil das Nachdenken zu anstrengend, vielleicht auch zu beunruhigend ist, weil die Wäsche aus der Maschine genommen oder ein Kind aus der Krippe abgeholt werden muss.

Gelegentlich schmücken wir den Gesprächsabbruch und das Ende des Nachdenkens noch mit einem unverbindlichen "die Sache ist eben komplex". Die Redensart klingt elegant und ist sehr praktisch, denn sie befreit uns nicht nur vom weiteren Nachdenken, sie schützt uns auch vor den Ergebnissen dieses Denkens, denn sie breitet einen wohltuenden Schleier über viele Dinge, die im Grunde alles andere als komplex sind, die uns jedoch vielleicht gerade deshalb so beunruhigen, weil sie so erschreckend einfach sind ...

In der Öffentlichkeit werden alle grundsätzlichen Fragen und Diskussionen unseres Lebens und Zusammenlebens seit einiger Zeit ohnehin fast ganz von der Angst um unsere "Arbeitsplätze" und den panischen Versuchen beherrscht, unsere Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Unser gesamtes Denken und Handeln kreist um das zum obersten Dogma und grossen Heilsbringer erhobene "Wirtschaftswachstum". Wer sich diesem Kult und seinen Ritualen nicht beugt und etwa nach dem Wozu und Wohin des ganzen fragt, gilt leicht als Verräter, der durch sein Fragen und Nachfragen die ganze Welt zum Einsturz zu bringen droht.

Auch die Diskussion des Themas Schule ist fast völlig in den Sog dieser Heilslehre geraten. Wir brauchen die "besten Schulen", um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Die didaktisch-methodisch optimierte Ausbeutung der Ressource Mensch ist angesagt. Der Druck überträgt sich auf jeden einzelnen. Die Eltern mögen versuchen, die Angst etwas von ihren Kindern fernzuhalten, ganz gelingt es nicht. In der Schule herrscht ein mehr oder weniger geschickt verschleierter Kampf aller gegen Alle. Wer nicht von vornherein aufgibt, der kämpft! Gute Noten, ein gutes Zeugnis, die regelmässige Beförderung und ein guter Schulabschluss sind die Dinge, auf die es nach Abzug aller schönen Worte und allen dekorativen Beiwerks letztlich ankommt. Die Profis mögen es begreiflicherweise nicht, wenn ihre Schule (und damit ihre Arbeit) in diesem wie sie mit recht sagen "einseitigen" Licht dargestellt wird. Die SchülerInnen sind diesbezüglich weniger sentimental, denn höchstens einer von zehn wird seine Nachbarin fragen, "was hast du zu dem Thema geschrieben", wenn ein Aufsatz zurückgegeben wird. Die interessante und meist einzige Frage ist: "Was für eine Note hast du?".

Vor lauter Hektik und Aufregung kommen wir gar nicht dazu, zu prüfen, ob die Panik nicht vielleicht hausgemacht oder gar von denen, die von dieser Angst profitieren, inszeniert ist. Einige rufen "Feuer". Wir hören den Ruf und wiederholen ihn, beginnen zu drängeln und zu rennen. Das Gedränge nimmt zu und der Ruf "Feuer! Feuer!" gellt durch die ganze Stadt. Er dringt in die Vororte und hinaus ins Land und über die Grenzen. Wir schreien und rufen aus Angst oder weil die anderen alle rufen; einige denken an die neuen Bauaufträge und die Zahlungen der Versicherung. Sie reiben sich die Hände und stimmen in das Rufen ein "Feuer! Feuer!" Und die Panik setzt sich fort und fort, ganz egal, ob das Feuer mittlerweile gelöscht wurde oder ob es vielleicht gar nie gebrannt hat. Die Wirtschaft muss wachsen, koste es, was es wolle. Wir leben im Kampf aller gegen alle. "Der Starke gewinnt, der Schwache wird zertreten!"

Das ist das Gespenst, mit dem man uns schreckt. Wer den Menschen mehr und anderes zutraut gilt als Utopist. Dabei wissen wir alle aus Erfahrung, dass wir auch soziale Wesen sind, Wesen, die fähig und bereit sind, aufeinander einzugehen, einander zu helfen und sich auch in schwierigen Situationen solidarisch und fär zu verhalten. Nur eben: Mann hat keine Zeit. Man muss zur Arbeit, man muss noch schnell die kleine zur Grippe bringen und dann ins Büreau!

Denken sie an sich selbst: Sie sehen die Umstände, unter denen Sie kleinlich und selbstsüchtig werden. Sie kennen aber vermutlich auch die Bedingungen, unter denen sie grosszügig und hilfsbereit, ja sogar richtig "menschlich" werden. Es gibt also eine Alternative zu dem immer mehr ausser Kontrolle geratenden Kampf aller gegen alle – Individuum gegen Individuum, Familienclan gegen Familienclan, Region gegen Region, Nation gegen Nation, Unternehmen gegen Unternehmen. Doch sie setzt ein Umdenken und einen Umbau unserer Gesellschaft voraus, eine Art Reparatur bei laufendem Motor, zu dem wir vermutlich nicht mehr fähig sind. Doch angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, sollten wir es zumindest versuchen und damit den bevorstehenden Crash vielleicht wenigstens ein Bisschen dämpfen.

Copy 2017, Martin Näf