Zitat

Bei zu häufigen Gelegenheiten noch steht die Welt der Erwachsenen mit ihren vom grauen Altertume her "geheiligten" vermeintlichen Vorrechten, Verboten und Despotismen als solidarische Macht der Kinderwelt gegenüber. Völlig ausrotten muss der Mensch in sich den Dünkel, in irgend einer Hinsicht mehr zu sein, als ein Kind. - Paul Geheeb 1936

Im Lande der Geheebs - Interviews, Reden, Gespräche

Paul Geheeb (1870 bis 1961) und seine Frau Edith Geheeb-Cassirer (1885 bis 1982) gehören zu den bekanntesten deutschen Reformpädagogen des 20. Jahrhunderts. Die hier veröffentlichten Tondokumente aus den Archiven der Odenwaldschule und der Ecole d'Humanité versetzen uns zurück in eine "andere Zeit".

Die Zusammenstellung gehört zu den Nachwehen meiner langjährigen Beschäftigung mit Paul und Edith Geheeb. Die Dokumente haben dabei mehr als nur nostalgischen Wert: als historische Quellen können sie unser Gefühl für das stets zur Abstraktion neigende Konstrukt aus Fakten und Schlagzeilen vertiefen, welches wir "Geschichte" nennen. In diesem Sinn seien die hier versammelten Aufnahmen auch der Forschung empfohlen!



Paul und Edith Geheeb 1955


Im Sommer 1950 nahmen Paul und Edith Geheeb als Gäste an der Feier des 40jährigen Bestehens der Odenwaldschule teil. Im Gegensatz zu seiner Frau war Paul Geheeb nicht mehr in Deutschland gewesen, seit sie Ende März 1934 zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen und etwa 20 Kindern und Jugendlichen in die Schweiz emigriert waren, um ihre pädagogische Arbeit in der Nähe Genfs fortzusetzen. Ursprünglich hatte Geheeb geglaubt, dass eine Zusammenarbeit mit den seit Anfang 1933 regierenden Nationalsozialisten möglich sei, doch nach ein paar Monaten war ihm klar geworden, dass er unter den gegebenen politischen Verhältnissen nicht in Deutschland bleiben würde.

Die Odenwaldschule war im Frühjahr 1934 mit dem Einverständnis der Geheebs als "Gemeinschaft der Odenwaldschule" (GdO) von zwei ehemaligen Mitarbeitern weitergeführt worden und bestand bis Kriegsende. Anfang 1946 wurde sie unter der Leitung der aus dem englischen Exil zurückgekehrten sozialistischen Pädagogin Minna Specht wieder eröffnet. Für die Geheebs kam eine Rückkehr nach Deutschland nicht in Frage, wie Edith Geheb 1958 gegenüber Walter Schäfer feststellte..

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 40jährigen Bestehen der Odenwaldschule wurde Paul Geheeb u.a. vom hessischen Rundfunk für die Sendung "Schule und Elternhaus" interviewt. Das
Interview mit Paul Geheeb vom Juli 1950 ist das älteste (und am besten erhaltene) Tondokument, auf dem Geheeb zu hören ist.




Gegen Ende der 1950erjahre begann sich Walter Schäfer (1910-1984) mit der Geschichte der Odenwaldschule zu befassen. Schäfer (seit 1949 als Lehrer, ab 1962 als Leiter an der Odenwaldschule tätig) sprach damals mit einer Reihe ehemaliger Mitarbeiter Geheebs und interviewte diesen selbst an Ostern und Pfingsten 1958. Das damals gesammelte, zumindest teilweise auf Band aufgenommene Material diente Schäfer u.a. als Grundlage seiner 1960 erschienenen Geheeb-Biographie.

Der besseren Zugänglichkeit halber wurde das nach wie vor hörenswerte Gespräch, welches Walter Schäfer damals mit dem 89jährigen Paul Geheeb führte, für diese Online-Veröffentlichung in eine Reihe kleinerer Abschnitte aufgeteilt ohne dass die einzelnen Passagen editiert oder ihre Reihenfolge geändert wurde. Geheeb sprach damals, teils ausführlich, teils eher sprunghaft assoziativ über


Das Gefühl, seinen Beruf verfehlt zu haben (5 Min.)
Die Suche nach dem eigenen Schulstandort 1909/1910 (36 Min.)
Die Protektion durch den Grossherzog von Hessen-Darmstadt und die äussere Geschichte der Odenwaldschule zwischen 1910 und 1918 (20 Min.)
Die Übernahme der Leitung der Odenwaldschule durch Minna Specht 1946 (5 Min.)
Seine Schüchternheit in persönlichen Dingen, die Klientell der Odenwaldschule und einige frühe Reaktionen auf die Koedukation (10 Min.)
Die Auseinandersetzungen mit den Nazis, die "Gemeinschaft der Odenwaldschule" und das Verhalten der Schweizer Behörden 1933/34 (47 Min.)
Seinen Schwiegervater Max Cassirer, Geld, die Schreinerei und sonstige Unterrichtstätigkeiten sowie die neuen Häuser (11 Min.)
Seine intuitive Art im Umgang mit der werdenden Odenwaldschule, Mario Jona und das Wartesystem (19 Min.)
Käthe Hamburg, die Freiheit der Lehrer und die Konferenzen (5 Min.)
Die Namen der Häuser, Drude Fidus und Prellwitz, Humboldt, Die Andachten und Feiern sowie Hermann Lietz (38 Min.)
Die Idee der Tagesschule in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg (5 Min.)


Zur Ergänzung dieses Lebensberichts seien hier noch zwei kurze Ausschnitte aus einer vermutlich im Vorfeld zu einer Radiosendung entstandenen Aufnahme aus dem Jahr 1955 beigefügt, in denen Geheeb u.a. über seine Beziehungen zu Tagore, Gandhi und Nehru und über die real existierende Ecole d'Humanité des Jahres 1955 sprach, die er stets als blosse Skizze der ihm vorschwebenden Schule der Menschheit bezeichnete.






Mehr+ Lust auf O-Ton?

Hören Sie, was Edith Geheeb-Cassirer und Alwine von Keller, Mitarbeiterin Geheebs von 1916 bis 1934 und auch danach eine seiner treuesten Beraterinnen, über Paul Geheeb und über ihre Zeit in der Odenwaldschule und der Ecole d'Humanité erzählen oder wie die sozialistische Pädagogin Minna Specht , eine Schülerin Leonhard Nelsons, ihr Engagement als Reformpädagogin und als 1. Leiterin der "neuen" Odenwaldschule reflektiert, oder nehmen Sie an der Feier zum 90. Geburtstag Paul Geheebs teil. Hören Sie den langjährigen Mitarbeiter der Geheebs Martin Wagenschein zum Thema Sprache zwischen Natur und Wissenschaft oder hören Sie ein Interview mit Beatrice Ensor, der von Geheeb hoch verehrten Mitbegründerin der New Education Fellowship, in welchem sie über die Gründung, die Ziele und die Philosophie dieser für die damalige Reformpädagogik äusserst wichtigen internationalen Vereinigung erzählt.


Denjenigen, die alles noch genauer wissen möchten, seien schliesslich auch die historischen Texte auf der Homepage der Odenwaldschule und die neuesten Veröffentlichungen zu Paul und Edith Geheeb empfohlen!



©2006 Martin Näf, Basel. Letzte Änderung 27. Dezember 2008


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