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Schule, ein Trauerspiel!

Ich war das, was man einen "guten" Schüler nennt. Dabei war ich nicht nur gut, weil mein Verstand und mein Gedächtnis in etwa so funktionierten, wie die Schule es in den 1960er Jahren von einem sieben oder zehnjärhigen Jungen erwartete. Ich war vor allem auch deswegen ein guter Schüler, weil ich mich ohne grösseren Protest in die Sache fügte und schnell genug lernte, das beste daraus zu machen.

Ich las brav mit, wenn Anneli wieder einmal den Ball holen sollte oder Hansli den Ball hatte. Ich fragte nicht andauernd, wo dieses Anneli wohnt und ob es auch einen Vater hatte. Ich wollte auch nicht unbedingt von unserem Kanarienvogel erzählen, oder wenn ich es vielleicht wollte, so spürte ich doch, dass dies nicht der Ort für ein so vertrauliches Bekenntnis war. Vielleicht hätte der Lehrer ja wieder mit einem leicht ungeduldigen "ja, ja, schon gut, aber jetzt wollen wir weitermachen" reagiert, oder Christoph oder sonst einer unserer Alphatiere hätte gelacht ... Nein. Da sagte ich lieber nichts. Stattdessen gewöhnte ich mich daran, belangloses Zeug zu lesen ohne ständig danach zu fragen, was diese Lektüre mit mir und meiner Welt zu tun hat.

Ichmerkte, dass dies offenbar ein Verhalten war, mit dem man in der Schule reüssierte, denn wenn ich selber "an der Reihe" war und mit lauter Stimme und ohne zu stocken las "hohl den Ball, Anneli, hol den Ball", dann wurde ich gelobt und es lachte niemand.

Ich nahm es auch hin, dass Esther irgendwann aus unserer Klasse verschwunden war; solche Dinge geschahen offenbar, und es gab keinen Grund, sich deshalb aufzuregen. Ich wollte nicht wissen, wo Esther jetzt sei. Ich wollte auch nicht wissen, ob sie vielleicht traurig sei, weil sie nicht mehr bei uns war. D.h. vielleicht hätte ich es schon gerne gewusst, aber über solche Dinge redeten wir nicht in der Schule.

Ich gewöhnte mich daran, auch dann meine Hausaufgaben zu machen, wenn ich keine Lust dazu hatte. Ich gewöhnte mich daran, alles, was ich gerade tat, stehen und liegen zu lassen, wenn es Zeit war, in die Schule zu gehen -, kurhz ich gewöhnte mich an ein zunehmend fremdbestimmtes Leben, in welchem die Anforderungen der Schule oberste Priorität haben. Ich gewöhnte mich daran, dass alles vorbereitet und geplant war, und ich nur noch mitzumachen brauchte. Ich gewöhnte mich daran, meine Eigenaktivität so zu dosieren, dass sie den Betrieb nicht störte, und ich gewöhnte mich daran, für mein Wohlverhalten mit guten Noten und mit Lob bedacht zu werden. - Klar, vielleicht haben andere anderes erlebt, aber ich glaube insgesammt war es schon ungefähr so, wie ich das ganze beschrieben habe.

Äusserlich betrachtet sieht dies alles harmlos aus, doch im Grunde setzt hier ein Prozess ein, in dessen Verlauf so viel Schaden angerichtet wird, dass es im Grunde unbegreiflich ist, wie wir diesem Trauerspiel Jahr für Jahr zusehen können ohne einzugreifen und das zum Teil deutlich sichtbare, zum Teil unsichtbare Massaker an unseren Kindern aufzuhalten.

Es ist ein Prozess, in dessen Verlauf unser Denken und Fühlen, unsere Interessen und unser ganzes Verhalten immer schulförmiger werden. Wir reagieren nicht mehr so, wie wir als "freie Menschen" reagieren würden, sondern wir lernen so zu reagieren, so zu denken und zu fühlen, wie die Schule es von uns erwartet. Es ist ein Prozess, der von Philosophen und Psychologen gerne als Entfremdung bezeichnet wird: Wir gewöhnen uns ganz selbstverständlich daran, dass vieles von dem, was wir interessant oder wichtig finden, nicht interessant und wichtig ist, da es in der Schule keinen Platz hat.

Um die vorgegebenen Lernziele zu erreichen, muss der Lehrer oder die Lehrerin uns gewissermassen an der Leine nehmen. Die Leine ist anfänglich zwar relativ lang und gelegentlich dürfen wir auch nach eigenem Gusto durch den Wald tollen. Doch dieses freie Herumtollen und machen können, was man selber will – malen oder lesen oder versteck spielen oder schwimmen gehen oder etwas basteln oder eine Eisbahn anlegen oder den Wolken zuschauen – dieses freie sich Tummeln in den tausend Möglichkeiten des Lebens dient vor allem zur Erholung. Es wird oft als Belohnung für besonders braves Verhalten eingesetzt und hat in der Schule nur eine Art Hilfsfunktion. Die Hauptaufgabe unserer LehrerInnen ist es, uns dazu zu bringen, aufzupassen und mitzumachen und nicht mehr jeder interessanten Fährte nachzugehen oder zu trödeln und voraus zu rennen, wie wir es gerne täten.

Früher brachte man den Kindern dieses Stillsitzen und Mitmachen in der Regel mit Hilfe von Kopfnüssen und groben Prügeln bei. In vielen Schulen der dritten und vierten Welt ist dies noch immer üblich. Bei uns haben modernere Methoden Einzug gehalten. Wir werden ermuntert und betört. Man erzählt uns, wie wichtig und interessant dieses oder jenes doch sei, bis wir einlenken und mitmachen.

Kinder machen gerne mit. Die meisten ErstklässlerInnen lassen sich bereitwillig auf das ein, was die Schule von ihnen will, doch mit der Zeit setzt eine gewisse Enttäuschung ein, denn zum einen ist das, was einem da Tag ein Tag aus vorgesetzt wird, nicht immer so spannend, wie man ursprünglich dachte. Zum andern möchte man irgendwann doch auch einmal zum Zuge kommen. Doch daraus wird nichts. "Gute" Lehrkräfte fragen zwar immer wieder nach dem, was ihre SchülerInnen zu dieser oder jener Sache denken. Man lässt die geduldigen Kleinen von ihrer Familie oder von den letzten Ferien erzählen, fragt danach, welches ihr Lieblingsgemüse oder ihr bevorzugtes Handy sei, lässt sie dies und das von zuhause mitbringen oder unternimmt sonst allerlei, um ihr "Interesse zu wecken". Doch allmählich merken die Kinder, dass dieses scheinbare Interesse an ihnen und ihrer Welt fast immer nur dazu dient, sie auf ein bestimmtes Thema einzustimmen. Auch wenn im Verlauf solcher Gespräche echtes Interesse an dem entsteht, was ein Kind erzählt: früher oder später wird dieses Interesse gebremst und der Strom des lebendigen Erzählens wird in das Bachbett irgendeines Themas gelenkt, das jetzt bearbeitet werden soll.

Diese "Motivationsphasen" ersparen es den Lehrkräften, die Kinder mit Strenge in ein Thema hineinzwingen zu müssen. Sie geben der Schule den humanen Anstrich, auf den wir heute so stolz sind. Die Kinder aber fühlen sich im Grunde jedesmal betrogen und enttäuscht. Mit der Zeit verlieren sie ihr Zutrauen zu der Sache. Sie gehen gewissermassen in die innere Emigration, hängen während des Unterrichts ihren eigenen Gedanken nach, kritzeln ihre Hefte voll, gucken zum Fenster raus oder beginnen mit ihren Mitgefangenen irgendwelchen Unfug zu treiben, um die Langeweile einigermassen auszuhalten.

Wer sich gegen die von der Schule betriebene, systematische Entfremdung von sich selbst zur Wehr setzt, weil er seine eigenen Impulse und Interessen nicht so leicht aufgeben will oder kann, merkt bald, dass die Schule nicht so harmlos ist wie sie scheint. Zuerst gibt es Gespräche und mehr oder weniger geduldige Ermahnungen, dann folgen Besprechungen mit den Erziehungsberechtigten, damach wird irgend ein schulpsychologischer Beratungsdienst eingeschaltet und wenn auch das nichts hilft, müssen klein Jino oder klein Rea gehen.

Die von der Schule erzwungene Aufteilung unseres Ichs in ein eigentliches, inneres Ich
und in ein nach aussen gerichtetes Schauspieler-Ich beginnt bereits früh.

Copy 2017, Martin Näf

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