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An Roland R., 26. Dezember 1991

Lieber Roland! Wir kennen uns nicht, d.h. ich kenne Sie ein wenig, zb. durch eine kürzlich verstrahlte DRS 1 Sendung. Diese Sendung ermutigt mich heute, bei Ihnen ein Anliegen zu deponieren, das ich schon lange mit mir herumtrage.

Die Sache ist die: ich möchte entdeckt werden, aber niemand will mich entdecken. Nun bin ich schon Mitte 30 und indiskrete Freunde behaupten erste graue Haare auf meinem Kopfe erspäht zu haben. Selber kann ich das nicht überprüfen, weil ich schon seit mehr als 20 Jahren nichts mehr sehe - auch grössere Dinge nicht. Denken, riechen, reden, lachen, weinen, gehen etc. kann ich noch, aber sehen, wie gesagt nicht. Das kompliziert nun auch die Sache mit meiner Entdeckung etwas, indem es die potentiellen Entdecker ein wenig unsicher und befangen macht und mich ebenso.

Um was es geht? Eben. - Ich bin schon lange vom leidenschaftlichen Wunsch besessen, in irgendeiner Weise Theater zu spielen oder Kabaret zu machen bzw. in einem Kabaretprogramm mitzumachen. Ich habe vor ca. 10 Jahren (als Mitarbeiter der "Ecole d'Humanité) mit den dortigen SchülerInnen - einen davon, Hachi kennst Du übrigens, er war Anfang der 80erjahre Bühnenmensch und Mädchen für Alles bei Euch! - Theater und Kabaret gemacht und dabei meine Lust an diesen Dingen entdeckt. Wenn nicht gerade irgendeine Bedrückung über mir schwebt wie der Nebel über Solothurn oder Kriens (meine Grossmutter klagt immer wieder darüber), dann habe ich das Gefühl, dass neben Lust auch ein gewisses Talent und einige Fähigkeiten da sind.

Du fragst, was ich kann und was ich überhaupt will? - Nun, wollen: am liebsten eigentlich in einer Kabarettproduktion mitwirken. Ich habe mich inzwischen zwar bös in eine Art bürgerliche Karriere als Alternativschulpolitiker, Zeitungsmacher etc. verstrickt, doch ich könnte, wenn ein Projekt da wäre, ziemlich viel Zeit für Proben etc. frei machen. Was mir vorschwebt - was ich auch schon selbst versucht habe, ohne als Einmannbetrieb damit wirklich weiter gekommen zu sein - das ist ein Pott-Puri aus Texten aller Art, aus Musik, Bewegung, theatralischen Elementen (szenischen Episoden), Liedern, pantomimischen Elementen, politischem Engagement und Unterhaltung etc.. Nicht das formlose Chaos oder ewig sich weiterspinnendes sinnloses Gefasel aber doch etwas ziemlich kontrastreiches, bewegtes. - Das schwebt mir idealerweise vor. Das würde auch, so denke ich, meinen Fähigkeiten am meisten entsprechen, denn in gewissem Sinn bin ich überall ein bisschen und nirgends ganz gut. Ich kann sprechen (zumindest kommt es mir so vor), kann auch mit Sprache umgehen; spiele einigermassen Klavier, Klarinette, Querflöte, Handorgel etc. und bin auch für kleinere Kompositionen und Arrangements musikalisch einsetzbar und einigermassen wendig auch bei Improvisationen. Was ich nicht gut kann, ist eine Form durchhalten, z.B. ein ganzes Programm von A bis Z selbst schreiben und auf die Bühne bringen (deshalb sind meine Versuche, allein etwas auf die Beine zu stellen auch nicht über einen Haufen von mehr oder weniger weit geidehenen Fragmenten hinausgekommen). ...

Ich könnte Dir noch mehr von meinen Ideen, meiner Vergangenheit etc. erzählen, aber Du hast ja sicher noch anderes zu tun, heute. Deshalb nur noch das: es muss nicht dieses lebendige, bewegte Kabarett sein, es könnte auch eine Theaterproduktion (traditionell oder experimentell) oder sonst was sein. Alles ist mir als Einstieg im Prinzip willkommen, aber die skizzierte Art des Kabaretts ist das, was meinen Fähigkeiten wohl am meisten entspricht.

Nach diesem Anlauf jetzt das Problem, die Hürde! Ich bin tatsächlich schon seit meinem 12. Lebensjahr blind. Das hat mich zwar nicht gehindert, die "Schule auf Burg" zu besuchen (8 lange Jahre lang!), in den USA und an andern Orten zu studieren und im Rahmen meines halbbürgerlichen Engagements als schul- und gesellschaftskritischer Mensch zu einigen kleinen Ehren zu kommen. Dennoch bin ich fast täglich mit ganz archaischen Vorstellungen davon konfrontiert, was ein Blinder alles könne bzw. (eher) nicht könne. Man meint, ich müsse unweigerlich von der Bühne fallen, wenn ich jemals eine betreten würde, man meint, man müsse mich sicherlich überall hinbringen, von überall her abholen, mir auch beim Pinkeln und vergleichbaren Geschäften helfen etc. etc. - Ich sage Dir, es ist nicht so. Ich sage es auch den Anderen, doch es bleibt die Befangenheit und die Hemmung. "Schau nicht hin mein Kind, der Mann ist blind, der Mann ist blind", so hab ich die Sache einmal in einem (Fragment gebliebenen) Lied zusammengefasst. Ich habe diese Hemmung auch bei den Versuchen gespürt, die ich zwischen 1980 und 1984 unternahm, um in ein wenig in die Theater- oder Kabarettszene hineinzukommen. Dabei ist die Hemmung natürlich auch auf meiner Seite - sie greift sozusagen auf mich über -, obwohl ich weiss, dass ich unter mir entsprechenden Bedingungen durchaus eher ein Mensch als "ein Blinder" bin ... Die Sache ist etwas mühsam. Erschwerend kommt dazu, dass ich selber zwar viele LehrerInnen und PsychologInnen, SozialArbeiterInnen und sonstige liebe Leute kenne, dass es in meinem Leben bisher jedoch keine SchauspielerInnen, KabarettistInnen etc. gegeben hat, ich also nicht einfach so in die Szene hineingewachsen bin oder jetzt hineinwachsen könnte.

Nun. Ist klar geworden, was ich eigentlich will? ... Am liebsten einen Tipp: "Da ist eine Gruppe, da würdest Du glaube ich genau hineinpassen" oder einen kleinen Brief oder einen Anruf: "Komm doch mal vorbei, damit wir etwas ausführlicher über die Sache reden können; vielleicht habe ich ja eine Idee." Ja, das wäre toll, super! Ich habe wirklich das Gefühl, ich brauche ein wenig (moralische und sachlich-technische) Hilfe, um in dieser Sache (nach einer Zeit der Mutlosigkeit) einen Schritt weiter zu kommen! Wenn du helfen kannst, dann hilf!

Ganz herzliche Grüsse und vielen Dank fürs Lesen dieses langen Briefes und für Deine eventuellen Ideen. Ich hoffe, es ist o.k., dass im Verlauf des Schreibens aus dem "Sie " ein "Du" geworden ist!