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Rückschau - Vorschau

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Rückschau - Vorschau

Vieles habe ich weggeworfen, damals, aber die Tagebücher, die habe ich wieder vorgeholt, und erstaunt gemerkt, dass ich nicht erst in den 1990erjahren, sondern unmittelbar nach der Matur angefangen habe Tagebuch zu schreiben. Ich war gerade 55 geworden und ich hatte beschlossen, jetzt endlich das zu tun, was ich immer wieder vor mir hergeschoben hatte: Zu kündigen und zu reisen. Ich hatte Zeit, auch in die Vergangenheit abzutauchen und zu lesen was ich dort festgehalten habe.

7. Juli 2010, mein 55. Geburtstag. I did it! Als ich vor zehn Tagen mit Johanna M. sprach, kam mir die Idee zum erstenmal. Dann tauchte sie wieder auf in einem Gespräch mit Magali, die ich am vergangenen Sonntag früh auf dem Weg nach Bern traf: Manchmal muss man sich in einer Improvisation selbst überraschen, selbst zum Stolpern bringen, egal, ob es sich um eine Tanzimprovisation, um Musik oder um die Gestaltung des eigenen Lebens handelt.

Nun. Ich habe mich überrascht. Heute Nachmittag habe ich meine Wohnung gekündigt. Den Brief schrieb ich gestern. Bis heute lag er auf dem Tischchen im Flur. Gnadenfrist. Zeit, den Entschluss zu überdenken und den Brief in den Müll zu werfen. Jetzt ist er auf dem Weg zur Hausverwaltung. Ein spannendes Geschenk zu meinem 55. Geburtstag! Ein Geschenk, über dessen Inhalt ich nur spekulieren kann. Es könnte der grosse Sprung nach Afrika drin sein oder ein paar Monate in Berlin, es könnten auch kürzere Stops in Lands End und Venedig, Schottland oder Südfrankreich sein. Es könnten vier Monate in einem Retreat oder in Dublin sein ... Ideen habe und hatte ich die ganzen letzten Jahre viele, nur entscheiden konnte ich mich nicht. Jede Idee schien richtig und verkehrt; meine Lust auf diese oder jene Sache hielt nie lange an. Nur eines wusste ich immer: Ich will nicht mehr hier sein. Ich will weg, wenn nicht weg aus Basel, so doch raus aus meiner Ramsteinerstrassengemütlichkeit und -isolation. Hier zu wohnen war und ist wunderbar bequem, doch hier zu wohnen ist auch langweilig. Was ich tun werde, weiss ich noch immer nicht. Ich weiss nur, dass ich spätestens Ende September hier raus muss, und dass ich bis dann einen Entschluss fassen werde.

Im Augenblick belebt mich der Gedanke des Aufräumens und Aussortierens. Ich freue mich darauf, angesammelten Balast abzuwerfen, um wieder beweglicher und freier zu werden. - Während der letzten Jahre habe ich meine Wohnung stets untervermietet. Diesmal habe ich die Life-Line ganz gekappt. Ein Zurück in meine vier Wände gibt es nicht. Es gibt vielleicht eine neue Wohnung in Basel oder ein Zimmer in einer WG, doch kein Zurück in das alte Gehäuse.

Eine Woche nach meinr Kündigung habe ich all meine per Mail erreichbaren Freunde und Verwandte über meinen Entschluss informiert. Zugleich gaben sich hier die WohnungsinteressentInnen die Klinke in die Hand. Grosses Interesse. In einigen Tagen wissen wir, wer die Wohnung bekommt.

Ich bin derweil vor allem mit innerem Sortieren und Aus- und Aufräumen beschäftigt: Was will ich behalten? Was kann ich wem geben? Was soll ins Brockenhaus oder auf die Strasse? Wie verpacke ich, was ich behalten will ...

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Als erstes habe ich die 16 oder 17 Ordner mit Inhaltsverzeichnissen geleert, die hier seit Jahren unbeachtet zwischen Bad und Wohnzimmer standen. Hunderte von Arbeitsstunden, sorgsam abgetippte Inhaltsverzeichnisse von Abelshauser bis Zinnecker. Alles in Punktschrift aus der Zeit als ich noch mit Tonbändern und Audiokassetten gearbeitet habe. Seitdem ich all mein Material einscanne brauche ich sie nicht mehr. Sie standen am Mittwoch vormitttag auf der Strasse, sieben oder acht dicke Bündel Altpapier. Dasselbe Schicksal droht den Punktschriftzusammenfassungen all der in den 1980er und 90erjahren gelesenen Bücher. Ich weiss es: Es sind zumm Teil richtige Kunstwerke mit einer gut ausgedachten und bewährten Weise der Darstellung: Eine Grundform vor Zeilenbeginn bedeutet Zitat. Besonders interessante Zitate oder besonders interessante Passagen innerhalb eines Zitates habe ich mit zwei, drei oder gar vier Grundformen zu Beginn jeder Zeile gekennzeichnet. Nicht besonders markierte Zeilen enthalten die stichwortartige Zusammenfassung des Textes. Kleine Überschriften bilden eine Art Beschlagwortung. Ein alleinstehendes l zu Beginn einer Zeile zeigt ann, dass hier ein eigener Kommentar oder eine eigene Frage stehen. Wie gesagt: ein sehr gutes System der Markierung, und doch werden auch diese Notizen zum Altpapier wandern!

Der Aufwand ist so gering und der Nutzen der eingescannten Texte so viel grösser, dass meine alten Zusammenfassungen heute nur noch nostalgischen Wert haben. Deshalb: Good bye with you all!

Nur noch nostalgischen Wert haben auch die 450 Kassetten in den vier linken Schubladen des Schreibtisches von Grossvater Näf, die Fiorenzo und andere Vorleserinnen zwischen 1980 und 1998 für mich produziert haben. Dann kamen der Scanner und die digitalen Audioformate, falls ich überhaupt noch mit einem Vorleser arbeite. Also fort auch mit diesen Kassetten und mit den 10 oder 12 Ordnern voll Notizen zum Briefwechsel von Paul und Edith Geheeb und einer oder zwei Bananenschachteln mit weiteren Kassetten aus der Geheeb-Zeit. Fort mit all dem. Es steht seit Jahren unbeachtet in meinem Estrichhabteil. Zu Beginn meiner Ramsteinerstrassenzeit, also vor 15 Jahren, hatte ich wenigstens die Buchzusammenfassungen noch griffbereit auf dem Regal neben mir, doch nach dem letzten oder vorletzten Untermieter habe ich darauf verzichtet, die Ordner wieder vom Estrich zu holen und sie an ihrem alten Ort aufzubauen. Sie standen da nur und haben mich seit Jahren traurig angeblickt. Also alles weg! Der Entscheid ist schnell gefällt. Beim Tagebuch werde ich allerdings unsicher. Wegschmeissen? Wirklich?

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Ich hole die erste der drei odr vier Bananenschachteln, welche die rund 20 Ordner des Tagebuchs enthalten, vom Estrich, um vor dem grossen Good Bye noch einmal hineinzuschauen. Schon im ersten Ordner finde ich ein paar überraschende Notizen vom Frühjahr 1974 aus meiner aller ersten Zeit an der Uni in Eugene. Die Notizen - Stichworte zu einem Essay über Shakespeare's Midsummer Night's Dream, Beschreibung einiger Träume, kurze tagebuchartige Notizen zu Peter D. und zum Thema Liebe - überraschen und schockieren mich. So viel Unbeholfenheit, so viel Angst und Mutlosigkeit! Dazu eine Orthographie, die noch deutliche Spuren des einstigen Kindergärtlers trägt. "wir vielen hinunter ..." und "wiches" statt "whishes" ...

Ich habe eigentlich erwartet, dass meine Tagebuchaufzeichnungen in den 90erjahren anfangen und von früher kaum etwas da wäre. Die 90erjahre könnte ich wegschmeissen. Das glaube ich noch jetzt. Damals schrieb ich oft über meine schwierig freudig frustige Beziehung zu Renzo, und über mein Alternativschulengagement. Das alles könnte weg, denn daran erinnere ich mich zur genüge. Im übrigen spiegelt diese Zeit sich auch in den vielen Briefen, die ich seit Erhalt meines ersten Computers im Dezember 1988 gespeichert haabe. Wozu also all den Kram aufheben. Aber diese frühe Notizen?

Ich blättere darin und wandere zurück in mein damaliges Leben.Dabei begegne ich einem Menschen, der sich mit langen, steiffen Erklärungen aus dem Tschungel seiner ängste zu befreien versucht. Ein armes Schwein würde ich sagen, wenn ich diesem Martin heute begegnen würde: verklemmt, hoch neurotisch und verkopft.

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Am 27. Juni 1974, kurz nachdem ich Peter D. kennengelernt und mich in ihn - nun, man kann wohl sagen - verliebt habe, schrieb ich: "...Wann ist man der Ffreundschaft sicher? Wie kann man sie ernstlich und überzeugend spüren und spüren lassen? Bei Mann und Frau weiss man wie. Bei Mann und Mann oder - auch dagegen habe ich nichts - bei Junge und Junge ist das körperliche Demonstrieren der Zuneigung verboten. Die Wünsche dazu sind mit mehr oder weniger Gewalt zurückgehalten. Existieren sie überhaupt oft? Jung sagt, der Mensch ist grundsätzlich bisexuell, das fühle ich. Fühlen es andere auch? Wie viele von hundert? Und wenn sie es nicht fühlen: sind sie weniger ehrlich mit sich selbst oder reifer?" Und am Ende eines im Sommer desselben Jahres entstandenen Textentwurfs für die "creative Writing"-Stunden, die ich damals bei Prof. Litman in Eugene belegt habe, steht - unzusammenhängend und überraschend: "Wo ist der, der sagte: Du bringst Tränen in meine Augen"; wo ist der, der sagte: "Wenn du weggehst bin ich traurig". "...). Wo gehöre ich hin? Nicht zu ihm? Kaum. Aber noch weniger zu ihm als es möglich wäre? Noch weniger? Noch weniger? Don't worry, don't worry. Was ich brauche ist die Liebe. Liebe ist zwischen Mann und Frau, so sagt man, so lernt man, so fühlt man. Für mich auch? Für mich keine Liebe? Für mich andere Liebe? Wo wo wo wo ist meinh Mädchen!!!Meine Heimat."

Es ist wie wenn ich in einem einsamen Turm gross geworden wäre, einsam trotz der scheinbaren Geschäftigkeit, die in dem Turm und rund um ihn herrschte. Eine Art Kaspar Hauser im Tarnanzug. Ich weiss nichts von mir und was ich von der Welt weiss hat mit mir nichts zu tun. Ich habe mich mit den wichtigsten Fragen noch nie befasst. Es war dafür keine Zeit in der Schule, in der jede Minute mit trigonometrischen Sturmwinden, griechischen Heldensagen und den Tücken der lateinischen und französischen Grammatik ausgefüllt war. Meine Sprache ist unentwickelt; ich sage "man", wo es doch um mein Ich geht. Ich kann kaum formulieren, was mich bedrängt, scheine nichts von der Welt und davon, wo ich in ihr stehe, zu wissen.Ich schreibe umständlich und gestelzt als ob ich irgendein fernes theoretisches Problem erörtern würde. Immerhin schreibe ich, und versuche mich der Not zu stellen so gut ich kann.

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Der Hinweis auf C. G. Jung bezieht sich auf eine Unterrichtsstunde ein oder zwei Jahre vor der Matur, in der Hans Schweitzer, unser damaliger Griechischlehrer, en passant von Jungs Animus- und Anima-Theorie sprach. Was er damals sagte, habe ich, wie beinahe alles, was in diesen acht verlorenen Jahren gesagt wurde, vergessen. Aber ich weiss noch heute, wie mich das Wort "bisexuell" elektrisiert hat, und wie ich Hans Schweitzer dazu zu bringen versuchte, mehr über die Sache zu sagen, ohne dabei zu interessiert zu erscheinen. Es war mir damals, wie wenn ein lebendig Begrabener plötzlich fühlt, dass Menschen auf dem Friedhof sind, ... Er ruft aus Leibeskräften, doch der eben über sein Grab geht hält nur kurz inne, weil er meint, es sei etwas gewesen, ehe er weitergeht. - Direkt zu sagen, was ich sagen will, ist unmöglich. Das Geheimnis ist zu bedrohlich. Die Lust ist da. Ich spüre sie, doch darf ich ihr keinen Namen geben!

Im hinteren Zimmer in Kriens, wo Christoph und Philipp Egli und ich, mit dem Tandem von Basel gekommen, zu dritt schlafen, dort fühle ich sie, die Lust ... Difuse Hoffnungen, ängstliche Gefühle, und als Philipp ein paar Monate später am Telefon von einem Mann erzählt, der ihn auf sein Boot einlädt... Philipp verbringt die Herbstferien als Segellehrer am Bodensee. Er ist freier als ich, kennt sich aus in Sachen Sex und weiss, was der Mann wollte. Ja, da habe ich sie gespürt, die Lust, habe den Telefonhörer an mein Ohr gedrückt, um kein Wort zu verpassen. Ich habe gehofft, dass Philipp noch mehr erzählen würde über seine eigene Erregung, über den Mann und die Sehnsucht, das Angebot anzunehmen. - Ich habe es gehofft, doch Philipp sprach von Mädchen und vom Bodensee ... Das war vor 40 Jahren. Wir waren damals 14 oder 15 Jahre alt.

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Auch in meinen Träumen hat mich das Thema Sex und Liebe damals offenbar umgetrieben, so z.B. in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai 1974: "Ich will "auf eine Reise gehen", nicht mit Droge,sondern mit einem andern Mittel. Wenn ich an den Ort komme, wo ich das Zeug bekommen soll, fragt Martin K., ob es mir recht sei, gerade hier. Ich kauere mich hin den Rücken an einem niedrigen Mäuerchen, von ihm abgewendet. Er giesst mir warmes Wasser oder ähnliches (etwa eine hand voll) auf den nacken, es läuft natürlich auch weiter hinunter. Dann macht er mir eine spritze genau auf den Wirbel, der, als zweit oder dritt oberster, eine Art buckelchen bildet. Wie meistens, war er fertig, als es mehr und mehr unangenehm zog und quetschte. Wohin die Reise ging, weiss ich nicht mehr. (...)."

Da bin ich also, 18 oder 19jährig, träume von Reisen und Wasser und Spritzen und rede mit mir über Liebe ... Ich bin in keiner Weise auf das Thema vorbereitet. Ich bin einsam und immer wieder sehr, sehr traurig. Hie und da fühle ich die Traurigkeit noch heute, denn obschon ich inzwischen stärker geworden bin und einiges gelernt habe, so habe ich sie doch noch nicht ganz überwunden und aus mir herausgeweint, herausgeschrieen und herausgeliebt.

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1976 / 77, während meiner ersten WG-Zeit an der Florastrasse in Basel, wo ich - neben vielem anderem auch Carl Rogers "Lernen in Freiheit" entdeckt habe, beginne ich mit ersten systematischen Versuchen über Schule und Erziehung. Erhalten ist ein Text, viereinhalb Punktschriftseiten mit dem Titel "was tut der Lehrer eigentlich?", in dem ich zwei aktive und einen ehemaligen Lehrer über ihre Aufgabe fabulieren lasse. Ein zweiter Text vom Winter 1976/77 trägt den Titel "Integration von Behinderten in die Normalschule"; in ihm beschreibe ich auf 9 Punktschriftseiten meine eigenen Erfahrungen von der dritten primarklasse bis ans Ende des Gymnasiums. - Ein zur selben Zeit geschriebener, nie abgeschickter Brief an unseren ehemaligen Mathelehrer, zu jener Zeit zugleich Rektor des Humanistischen Gymnasiums, ist ein stark von meinen Ecole-Erfahrungen und der Lektüre von Carl Rogers inspiriertes Plädoyer für eine andere Schule. Ich war damals, erst 19, erstmals in der Ecole d'Humanite gewesen, und war ganz begeistert, was 'Schule' auch sein kann.

Die Texte sind streckenweise etwas unbeholfen; doch was ich sage, hat Hand und Fuss, und stimmt im wesentlichen mit dem überein, was ich auch heute sagen würde. Schade, dass ich sie nicht redigiert und abgeschickt oder veröffentlicht habe.

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Beim Blättern durch diese frühen Tagebücher fällt mir auch auf, wie oft ich schon damals weg wollte - weg von Basel, weg von der Uni in zürich, weg von der Ecole ... Im Frühjahr 1977 habe ich mich offenbar als Praktikant in der Sonnhaalde und in einem "home de Réabilitation" beworben und mit dem Gedanken gespielt, nach Genf oder Hamburg zum Studium zu gehen. In Hamburg waren es Reiner und Annemarie Tausch, die mich interessierten, und in Genf war es ein Erziehungswissenschaftler namens Michael Huberman, vielleicht aber auch Jean Ziegler, dessen ein Jahr zuvor erschienenes Buch "Eine Schweiz über jeden Verdacht erhaben" damals für grossen Wirbel in unserem braven Land gesorgt hat. Ich weiss noch, wie Florian S. und ich nach einem der mit den üblichen Scherzen über meinen ungenügenden Salatkonsum verbrachten Mittagessen im grossen Haus am Rennweg mit seinem Vater beim anschliessenden Kaffee über das Buch zu diskutieren versuchten, ein zaghafter Versuch auf der Suche nach einer eigenen politischen Position, der von Peter S. jedoch mit ein paar Worten und einer Wolke aus seiner Tabakpfeife schnell weggeblasen wurde. Wir waren gute Bürgersöhne, auch ich, trotz der Wohngemeinschaft an der Florastrasse, trotz dem Zeitung lesenden Milo mit seinem Migrantenhintergrund und trotz Mariann, der frauenbewegten Medizinstudentin mit ihrem anarchistischen Freund aus SP-Kreisen ...

Schliesslich entschied ich mich für ein zweites Gastspiel in der Ecole, wo ich vom August 77 bis Dezember 78 als dritter Mitarbeiter im Haus am Platti war. Im Dezember 78 bin ich dann noch einmall für sieben Monate nach Eugene zurückgekehrt. Von dort habe ich mich an die Harvard Graduate School of Education beworben, wo ich im Mai angenommen wurde, dann aber zunächst verschoben und im Winter 79/80 endgültig abgesagt habe. Damals war ich in meiner zweiten WG an der Kilchgrundstrasse in Riehen. Obwohl ich die WG eigentlich sehr genossen habe und obwohl ich mich kurz zuvor definitiv gegen Harvard entschieden hatte, bewarb ich mich im März 1980 bereits wieder an eine Uni im Ausland, diesmal war es die FU in Berlin. Im Mai habe ich mich schliesslich doch gegen Berlin entschieden. Von Juli bis September war ich im Langzeitprogramm in ZIST in der nähe von München, wo ich bereits 1978 an einem vierwöchigen Intensivkurs teilgenommen hatte. Wir versuchten, uns alles von der Seele zu reden, was uns beschäftigte.

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Von alle dem finde ich Spuren in meinem Tagebuch und in einigen dazwischen eingeordneten Briefen und aanderen Dokumenten. Doch mein Leben ist behindert durch den Kampf um mein Schwulsein, ein langer und schwerer Kampf. So lese ich in einem Eintrag vom Sommer 1978, den ich vorallem im Platti zugebracht habe, : "Heute habe ich mir immer wieder halblaut vorgesagt: "Schwulsein ist schön", und "ich will mit Andi und Thomas ins Bett, mit ihnen zärtlich sein, ihren Schwanz anfassen".

Es scheint, dass ich mich entrolle wie ein chinnesisches Bild. Langsam sehe ich, was in mir ist. "Ich habe heute bei Shepard von glücklichen homosexuellen Beziehungen gelesen und bin mir jetzt viel sicherer, dass ich solche erleben will, und dass ich überdies niemals aus meiner sexuellen Blockierung rauskomme, wenn ich meine Homosexualität fortwährend verheimlichen will. Ich habe vor einigen Wochen Michael K. und Jürg B. geschrieben und ihnen (zum ersten mal) von meiner Homosexualität erzählt. Ich will echte Beziehungen, wo ich auch Verständnis und Geborgenheit finde, nicht Beziehungen, in denen ich behutsam und vorsichtig sein muss. (...)."

In jenem Sommer und Herbst 1978 habe ich viel geschrieben, über meine damaligen Versuche mit Christian oder Andi über mein Schwulsein zu reden, aber auch über die Stimmung bei uns zuhause im Thiersteinerrain, oder meine (offiziellen und heimlichen) Hoffnungen in Bezug auf meinen zweiten Auffenthalt in den USA. Die "heimlichen Hoffnungen" haben sich nicht erfüllt. Der Aufenthalt war in Bezug auf meine intellektuelle Entwicklung und meine berufliche Identität zwar extrem produktiv. Edi Diller erzählte mir erstmals von Martin Buber und seiner Philosophie von Ich und Du, und ich schrieb denkend, fühlend und lesend in einem heissen Zimmer im oberen Stock des Dillerschen Hauses in 6 oder 8 Wochen meine Bachalorsarbeit über den Zusammenhang von Erziehung und politischer Mündigkeit, in der ich erstmals zu Papier gebracht habe, was mich bis heute beschäftigt. Doch die innere Einsamkeit war geblieben. Ich war nicht aus meinem Schneckenhaus gekommen und niemand war in mein Haus hineingekrochen.

Zurück in der Schweiz zog ich nach ein paar Wochen im elterllichen Haus am Thiersteinerrain wieder in die alte WG, die inzwischen - nach einer friedlich erfoolglosen Hausbesetzung - von der Florastrasse nach Riehen umgezogen war. Dort schrieb ich am 17. 10. 1979 u.a.: "(...) Jetzt stellt sich mir wiedr dieses Wort in den Weg, das ich nicht aussprechen will: Schwul, homosexuell. Wenn ich nur einen fände, der es mit mir geniessen würde! Einer, der mit mir gerne schmuste, mit dem ich ausleben und erleben könnte, wovon ich träume und nicht mich trennen mag. Einer, der mich umarmte, streichelt, mich an sich drückte, mit mir tanzte, seine Hüfte gegen die meine pressend, seine Beine um die meinen schlingend und zwischen meine! (...)." Das war fünfeinhalb Jahre nach meiner Begegnung mit Peter D., dem ersten meiner Freunde, der mich umarmt hat, und anderthalb Jahre nach meinem ersten Bioenergetikworkshop in ZIST, an dem ich Mischka kennengelernt habe.

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Ich habe gelebt, aber ich habe schwer gelebt. Ich wollte oft ein anderes Leben als das, welches ich damals hatte! Weggehen ... schon damals ein ständiges Thema. So schrieb ich am 4. Januar 1981 beispielsweise: "(...). Mit dem jetzigen Studium aufhören ist eine Sache, diemich umtreibt. (...). Ein Büchlein über den christlichen Friedensdienst, das ich aus dem Drittweltladen mitnahm, brachte plötzlich den Gedanken, für ein Jahr oder zwei irgendwo in der Welt an einem Projekt mitzuarbeiten. Seltsam, da ich doch noch vor neunn Monaten zu spüren vermeinte, dass mir das Leben in der Wohngemeinschaft zunehmend wichtiger wird. (...)." Oder am 13. Januar 1981 zum Thema Theater: "(...). Seit ungefähr anderthalb Stunden spiele ich nun wieder: Ich rufe an - ich habe Angst. Ich rufe an - ich habe Angst.Warum habe ich eigentlich Angst, dem Hansjörg Betschart anzurufen und ihn zu fragen, ob ich ihn einmal treffen könnte, damit er mir helfen kann, ins Theaterspielen reinzukommen? (...). Wer kann mir denn hier Mut machen, mich anspornen, mir das Gefühl geben, dass ich es wert bin, dass ich es kann, so wie ich es mir vorstelle. Ich verstehe nicht, was mich aufhält, wie es mir zum so gewaltigen Problem wird, mich um diese Sache zu kümmern."

Dritte Welt, Theater, Liebe, Einsamkeit und die Sehnsucht nach wirklichem, vollem Leben ... Wie eine Krankheit zieht sich dies alles durch die Jahre. Ich lese, was ich vor 30 Jahren geschrieben habe. Dabei tun sich die alten Krater in mir wieder auf: Meine unglücklich glückliche Liebe zu Michi, zu Peter oder zu Helmar. "Helmar (...)", so schreibe ich am 18. Januar 1981, "Ich beneide deine Unbeschwertheit, deinen Lebenswillen, deine ruhige freundliche Art, deine Jugend (...), dagegen setze ich meine Verspanntheit, meinen ehrgeiz, meine Aufdringlichkeitund Aufgeblasenheit, meinen Zwang zu beeindrucken, der Grösste zu sein, eine wichtige Rolle zu spielen. (...)." Und am folgenden Tag: "Das war ein schlimmer Abend gestern. (...). Helmar geht und geht mir nicht aus dem Sinn. Ich mag ihn so sehr, möchte so sehr seine Nähe, möchte, dass er mir zuhört, einfach zuhört und mich damit tröstet. Er sitzt jetzt aber wieder in Bern in der Schule, und ich weiss nicht, was er denkt über mich und was er fühlt. Gestern, als ich so abgestürzt von der Ecole (nach Reuti) zurückkehrte, kam er zu mir und fragte, "What's wrong?". Da habe ich ihm erzählt, wie es mir zu Mute war. Vielleicht war zu wenig zeit, oder er wollte nicht richtig einsteigen auf das, was ich sagte, jedenfalls sitze ich jetzt mit Angst und denke darüber nach, ob er mich verstehen kann, ob er mich auch so magh, auch so zu mir steht oder nur dann, wenn ich heiter und optimistisch, jedenfalls auf den Beinen bin. (...)." Und noch ein paar Wochen später schreibe ich: "Wie ich hier sorgsam (...) mein Leid aufzeichne ist eigentlich schizofren: Ich bin beständig damit beschäftigt, aufzuschreiben, wie ich das Leben verpasse, und den Schmerz, der mir so entsteht, zu schildern. (...)." - Ja, schizofren ist und war es, und doch habe ich es getan. Nicht regelmässig, aber immer wieder - seitenweise!

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Dabei finden sich ab und zu auch Hinweise auf das "äussere Leben" jener Jahre. Eine winterlich kalte Autostopreise von Hachi und mir zu Heidrun, die ihr Theologiestudium in Basel aufgegeben und in Frankfurt mit der Ausbildung zur Sozialarbeiterin begonnen hatte. Eine Skifahrwoche der WG in der Ferienwohnung in Reuti mit einem Besuch von helmar; eine Gesprächsgruppe im Blindenheim; Besuche in der Ecole; eine Fahrt mit Mariann per Autostop vom Hasliberg nach Basel; eine Woche bei Töbi in Davos mit Hachi ... Alles 1980 oder 1981.

Natürlich. Ich lebte ja, habe mich bewegt, habe Dingge unternommen, habe gekocht - jeden Dienstag Abend nach Plan - und geputzt, habe telefoniert und Entscheidungen gefällt, bin an Demos gegangen oder ins Theater oder an irgendwelche Sitzungen der GAGAG oder der sich formierenden "grünen Alternative". Ich hatte mich - ich glaube es war im Herbst 1980 - in Zürich als Pädagogik- und Psychologiestundent eingeschrieben, da es mit dem freien künstlerischen Leben, von dem ich nach Eugene geträumt hatte, nicht werden wollte. Ich war also wieder beschäftigt. Ich gab dem Nachwuchs des Riehener Musikvereins Klarinettenunterricht, und begann, Akkordeon zu spielen. Tagebuch schrieb ich nur, wenn ich in Not und bedrückt war.

Die "grosse Politik", die mir im Grunde nie gleichgültig gewesen war, und von der wir vor allem in Riehen oft sprachen, kommt in den Tagebüchern noch seltener vor als das, was ich selbst damals getan habe: Keine Hinweise auf Nixons Rücktritt im August 1974, den ich während meines Optacon Trainings in Palo Alto, Kalifornien, vor dem Radio sitzend miterlebt habe. Keine Hinweise auf die Besetzung von Kaiseraugst, von der ein Schüler im April 75 in einem meiner ersten Deutschkurse an der Ecole erzählt hat. Keine Hinweise auf den Sturz Somosa's und auf die Revolution der Sandinistas in Nikaragua; keine Hinweise auf die Attentate und Entführungen, die insbesondere in Italien und der BRD Ende der 70er und Anfang der 80erjahre für grosse Aufregung sorgten; keine Hinweise auf die massiven Proteste gegen die Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland oder auf den Kampf um die "Startbahn West", keine Hinweise auf den Sturz des Shas von Persien oder auf die Ereignisse in Zürich 1980/81. - Auch von glücklichen Momenten steht in dem Tagebuch nichts. Nichts über die Würfelabende mit Helmar, Hachi und Eric in der WG in Riehen; nichts über Christins Strohrumm, den wir bei der Gelegenheit vertilgt haben; nichts über die ersten Erfolge der Scacias, bei der ich handorgelspielend dabei war; nichts über spannende Bücher und gute Gespräche, von denen es auch damals in meinem Leben sehr viele gab. - Die Tagebücher jener Jahre sind also mit Vorsicht zu geniessen. Doch die Schwere und Trauer, von denen sie so voll sind, war ein Teil meines damaligen Lebens.

"Seit Tagen bin ich jetzt fest entschlossen, mich auf die Männerliebe, die homosexuelle, einzulassen. Jedenfalls werde ich am Dienstag mit einem Mitglied der HABS sprechen; danach ist immer noch Gelegenheit für einen Rückzieher, falls mir der Mut plötzlich fehlen sollte und ich mich nicht mehr weiter traue. Ausgelöst ist der kühle und kühne Entschluss zu einem guten Teil durch Gespräche mit Milo: Er schilderte mir seinen Zustand des Verliebtseins - Annedore war die Täterin -, und plötzlich wird mir klar, dass es mir genauso geht wie ihm, wenn ich mit Helmar zusammen bin. Ich stelle rückblickend auf die letzten Jahre meines Lebens fest, dass ich mich schon einige Male verliebt habe, dass ich es aber nie merken konnte, weil ich stets in einer anderen Richtung geschaut habe und das, was vorhanden war, dabei übersehen habe. (...). Ich krieg viel Freude und Mumm dadurch, dass ich mir eingestehe, wie ich für dich (Helmar) fühle, wie sehr es mich zu dir hinzieht. Ich krieg' auch Angst, denn wenn ich gehe ins Land der Schwulen, so geh ich alleine - von meinen "Freunden", von den menschen, die ich kenne, mit denen ich lebe, schwatze, und mit denen ich mir meinh Leben etwas gemütlich gemacht habe - kommt wohl keiner mit. (...). Ich überschreite eine feine Linie, eine grosse Grenze. Alle Brücken breche ich hinter mir ab; ich wandere aus. So jedenfalls kommt es mir vor. Ich mache mich zum Frendling in der einst vertrauten Stadt. Der Entschluss steht fest, ich werde Reisen, mit der Angst davor bin ich allein und mit der freudigen Erwartung auch allein. Ich bin bereit", das schrieb ich am Sonntag Mitag, 13. September 1981.

In der Zeit hatten wir wieder einmal WG-Sitzung. Es lag einiges in der Luft. Ich glaube, Peter M. hatte uns mitgeteilt, dass er ausziehen wolle. Die scheinbare Gleichgültigkeit, mit der wir auf diese Ankündigung reagiert haben, hat das Fass bei mir zum Ueberlaufen gebracht. Für mich sei die WG mehr als ein Nutzverband, und ich wolle nicht, dass wir nur über grobe und feine Haferflocken und andere Banalitäten diskutieren. Für mich sei die WG mein zuhause. Ich wolle ... nun, bevor Peter ausziehe, wolle ich etwas von mir sagen, etwas, was mir sehr wichtig sei und wovor ich grosse Angst habe. - Ich weiss nicht, ob wir erst nach meinem Geständnis in Barbaras Zimmer hochgingen, oder ob wir sozusagen als Vorbereitung die Küche verliessen, und uns im kleinsten Zimmer des Hauses zusammendrängten. ich weiss nur nocch, wie erleichtert und stolz ich nach meinem Geständnis war, und wie wunderbar die ganze WG reagiert hat. Ich hatte ihnen von all der Scham und Angst in mir erzählt, und sie sassen da, hörten zu, erzählten von sich, ermutigten mich, umarmten mich ... grosse grosse Geburtshelfer auf diesem schwierigen Weg. Es war ein Durchbruch, ein wirklicher Schritt voran. Das starke Gefühl, nicht allein zu sein. - Endlich, endlich! Das Boot war flott gemacht.

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Den ganzen gestrigen Tag habe ich gelesen und über das gelesene geschrieben, und heute früh habe ich mich glleich wieder hingesetzt und weitergeblättert. Dabei taucht unter anderem das Thema meiner Blindheit auf; kurze Hinweise darauf gab es schon früher, aber insgesamt hat mein Blindsein mich damals nicht besonders belastet. Äusserlich glückte mir ja alles; ich fühlte mich durch die Blindheit nicht besonders eingeschränkt und hatte auch nicht das Gefühl, deshalb diskriminiert zu werden. Ich war in der Ecole d'Humanite im Hasliberg und in der WG an der Florastrasse in Basel und in Riehen gut aufgenommen worden und fühlte mich sehr "integriert". Mein Studium war technisch einfach zu bewältigen, dies auch deshalb, weil ich mit meinen relativ häufigen Orts- und Fachwechseln besonderen Klippen wie etwa der Statistik immer ausweichen konnte. Auch Arbeit hatte ich gefunden, nicht nur in der Ecole, sondern auch an der Blindenschule in Basel und beim Musikverein in Riehen ... Hie und da taucht das Thema aber dennoch auf, so einmal sehr heftig und schmerzlich im Zusammenhang mit Helmar, der mir nicht nur seelisch, sondern auch körperlich so viel robuster und fähiger schien (und noch scheint) als ich selbst es bin.

Als er die Ecole d'Humanite verliess und damit begann seine "eigenen Wege" zu gehen, fiel es mir eine Weile lang sehr schwer, ihn einfach so gehen zu lassen. Ich wollte ihn klein wie im erstn Jahr unserer Beziehung als er frisch von Indien kommend in der Ecole war: 14jährig, unendlich sanft und oft tief traurig. So wollte ich ihn, damit wir in unserem Schmerz immer zusammen sein würden ... ich habe darüber geschrieben, habe das morbide dieser Gefühle erkannt und bekämpft, und einen Teil meiner Sehnsucht wie gesagt in der Unbeholfenheit geortet, die meine eigene Blindheit mit sich brachte. Helmar kann alles - ich kann nichts! Zu meiner Überraschung scheint auch meine Mutter an dem Wochenende von diesem bei uns eher verdrängten thema heimgesucht worden zu sein.

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Im dritten Ordner finde ich einen Hinweis auf die Scacias und im selben Eintrag vom 5. Januar 1982 die Schilderung eines Traumes, der ganz demjenigen gleicht, den ich vier oder fünf Jahre später noch einmall geträumt habe. Es ist der Traum mit dem mir in einem Hörsaal heimlich zugeschobenen Kind. Ich bin verwirrt: Habe ich ihn tatsächlich bereits im Januar 1982 geträumt? Er ist etwas anders als derjenige, über den ich in einem meiner Fragmente geschrieben habe? War es dieser Traum oder habe ich ihn tatsächlich zweimal geträumt? - Ich bin beunruhigt und steige nach kurzem Zögern auf den Estrich, um die zweite Schachtel mit Tagebuchordnern zu holen. Ich meine, ich habe den Traum nach 1985 geträumt, vielleicht sogar nach 1990. ich blättere durch die neuen Ordner - Nr. 7 bis 13:

Da taucht Andres auf, das Seminar in Luzern und die ganze damit verbundene Aufregung; meine Arbeit in der Herberge - bereits 1986! - und meine Gruppenleiterängste. Schreibkrämpfe im Zusammenhang mit dem Alternativschulbuch, das dann plötzlich doch geboren und fertig ist. Gefühle für Oliver und das Gefühl, mich immer wieder zurückzuhalten, aus Rücksicht auf den anderen, wie ich mir einzureden versuche, in Wahrheit vielleicht jedoch vor allem aus Rücksicht auf meine Angst davor, zurückgewiesen und verletzt zu werden. Oliver ... Natürlich! Er gehörte zu den PunktschriftschülerInnen, die ich ab Frühjahr 1988 für ein halbes Jahr unterrichtet habe ...

Solche Dinge entdecke ich. Auch Hinweise auf meine Alternativschulaktivitäten, gelegentlich ganz zufrieden klingende Dinge. Fiorenzo taucht auf und um 1990 Lukas Haas und Paul Geheeb. Auch zweimal ein Traum, aus dem ich kaum mehr erwache: Einmal werde ich von Maja O. in aller öffentlichkeit beinahe vergewaltigt; ich kann zwar fliehen, doch schliesslich bin ich ihr noch mehr ausgeliefert als zuvor (23.2.1989). Im anderen Traum hänge ich als Säugling an einer Maschine. Blutversorgung oder Sauerstoff oder so ähnlich. Jedenfalls lebenswichtig. Ich wache in Todesangst auf als ich höre, wie meine Mutter einer Schwester im Weggehen sagt, es sei alles in Ordnung, obwohl sie eben noch bei mir war und gesehen hat, dass die Maschine nicht lief. Ich wache auf und weiss nicht, ob sie sie abgeschaltet hat oder ob die Maschine aus einem anderen Grund stehen geblieben ist (15.1.1990). - Dies alles und noch viel mehr finde ich in dem zweiten Packen Ordner, aber den Traum vom Kind inn meinen Händen hab ich noch nicht ein zweites Mal gefunden.

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Dafür stolpere ich über den Termin meines Lizenziats in Zürich: 18.2.1983. Danach, im April, bin ich nach Danvant, im westlichsten teil der Schweiz gezogen. Das war auch die Zeit, in der ich halb und halb in Stefan Rehmann verliebt war. Ich weiss nicht, ob er damals noch in Basel oder bereits in Fribourg studiert hat. Ich erinnere mich jedoch, dass er mich in Danvant besucht hat, und wir u.a. einen Ausflug nach Frankreich gemacht und viel geredet haben. Von Danvant aus habe ich mich dann für die berufsbegleitende Klarinettenlehrerausbildung an der Musikschule Luzern angemeldet. Sie begann im August oder September 1983. Da ich unmöglich zwischen Danvant und Luzern pendeln konnte, bin ich wieder nach Basel gezogen, zuerst zu Mami an die Gasstrasse und - im Oktober oder vielleicht sogar erst im Januar des nächsten Jahres - an die Sennheimerstrasse.

Ich bin auch über ein Bewerbungsschreiben gestolpert, das ich im Mai 1983 an ca. 40 Seminare verschickt habe, auch dies eine Aktion, an die ich mich nicht mehr erinnere. - Es war eine Blindbewerbung; ich erhielt - so habe ich irgendwann notiert - rund 20 Absagen. Schliesslich hat der Versuch doch etwas gebracht: die Stelle am städtischen Lehrerseminar in Luzern. Ich sollte dort Theo Steiner oder Steinmann vertreten. Er ging für ein Jahr in die USA, um holotrop zu atmen oder etwas ähnlich therapeutisches zu tun. Es war eine 20 oder 30%-Stelle. Soweit ich mich erinnere besprachen wir die Sache im Mai 1984. Im August begann die Arbeit alsPsychologie- und Pädagogiklehrer an einer 3. und einer 5.Seminarklasse (11. bzw. 13. Schuljahr).

Auch jetzt war das Tagebuchschreiben die Überlebensstrategie Nummer eins! Dennoch hielt ich die Widersprüche dieser Stelle nur bis Februar 1985 aus; dann kündigte ich, vor Ablauf des vereinbarten Jahres. Ich konnte und wollte nicht weiter in einem Gefängnis über Mündigkeit und Freiheit dozieren und geistig bereits überfütterte Menschen im Namen der Bildung mit noch mehr Futter vollstopfen. Während ich in der 3. Klasse noch genügend Freiheit besass, die widersprüchliche Situation immer wieder zu thematisieren und an ihr zu arbeiten, bestand diese Freiheit in der fünften Klasse nicht mehr. Dort stand das Diplom vor der Tür. Pädagogisches und psychologisches Grundwissen musste gebüffelt werden. Unter dem Zwang des von aussen vorgegebenen Stoffplans war es so gut wie unmöglich, auf individuelle fragen, auf wirkliches Verstehen oder auf Gefühle der Übersättigung rücksicht zu nehmen. Auch wenn die betroffenen SeminaristInnen diese Situation mehrheitlich akzeptierten, und auch wenn ich mit der Klasse eigentlich gut stand, so war es mir doch unmmöglich, die in diesem Fall verlangte Rolle des Lehrers zu übernehmen. Ich hätte gegen alle meine Grundsätze handeln oder die Betroffenen jedenfalls auf einem Weg unterstützen müssen, den ich für zu tiefst fragwürdig und destruktiv hielt und halte, eine Meinung, die einige der SeminaristInnen ausdrücklich teilten. Dennoch baten sie mich darum, meine Rolle zu spielen.

Ich empfand den Widerspruch vielleicht noch mehr, weil ich mich im September 1984 für zwei Jahre einer Bioenergetikgruppe angeschlossen hatte, wo ich die Kehrseite dieser zur Gewohnheit gewordenen Selbstaufgabe einmal pro Monat hautnah miterleben konnte: 16 "normale", meist gut ausgebildete Erwachsene, die während eines Wochenendes mmehr oder weniger verzweifelt nach ihrem eigenen ich und nach dem suchten, was sie eigentlich dachten, fühlten und wollten. Wir gruben nach den Quellen, die ich bei meinen SchülerInnen zuschütten würde, wenn ich ihrem Wunsch nach mehr Stoff folge leisten würde. - Ich wollte es tun, ihnen zu liebe, weil sie mich darum baten, und weil ich nicht aufgeben wollte! Ich wollte vernünftig sein.

Ich weiss noch, wie ich mir zuredete, mich in Basel in den Zug setzte und nach Luzern fuhr bis ich auf der Seebrücke stand und nicht mehr weiter konnte. Es war wie der Aufstand der Plebeier gegen den römischen Adel. Meine Vernunft beschwor mich weiter zu gehen. Die SeminaristInnen warteten auf mich. Ich hatte den Job bis jetzt gemacht. Es war Februar 1985. ich würde ihn noch bis zum Sommer durchziehen können. Die SeminaristInnen mochten mich, und ich müsse lernen, mit Widersprüchen zu leben. So sprach der Verstand listig und mit süsser Stimme, doch der Körper wollte davon nichts wissen. Ich erinnere mich, wie ich mich am Brückengeländer festhielt. Gerade aus über die Brücke ging der Weg durch die Altstadt zum Seminar bei den Museggtürmen und hinter mir lag der Bahnhof. In zehn Minuten begann die Stunde ... Ich wusste, mein Verstand hat recht. Ich wollte ihm gehorchen, doch ich war unfähig, den Weg über die Brücke fortzusetzen ... ich bin nicht mehr ganz sicher, doch ich glaube, dass ich nach vier oder fünf Minuten tatsächlich umkehrte, weil ich es körperlich nicht schaffte, weiterzugehen. Ich setzte mich in den nächsten zug nach Basel und kündigte die Stelle.

Ob ich mit dem Widerspruch heute besser zurecht käme? Vielleicht. ich bin zynischer geworden und will nicht mehr alle Menschen vor Leid bewahren. Andererseits ist meine Geduld mit dem geistig seelischen Massacker, welches wir Bildung nennen, seither nicht gewachsen. Im Gegenteil.

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Tatsächlich: Es war viel los, in jenem Sommer und Herbst 1984: Der Zusammenstoss des reformeifrigen Pädagogen mit der Realität der Schule; die Beziehung zu Andres, den ich im Januar oder Februar 1984 nach einer HABS-Sitzung kennengelernt hatte; das Glück und das Unglück in dieser ersten ausgelebten schwulen Liebesbeziehung; meine Eifersucht; Andres' Reserviertheit ... Ein Segelturn mit der Bregenser Schiffergilde auf dem Mittelmeer im April und der Umzug von der Sennheimerstrasse an den Schäferweg Ende September. Mein durch Andres stimuliertes Engagement innerhalb der Habs: Abwaschen im Rössli an Dienstag Abenden und ein Habs-Wochenende im Herbst irgendwo im Jura, die monnatlichen Bioenergetikwochenenden mit Jan, wo Andres und ich im Januar oder Februar 1985 unsere Trennung vollzogen ... Es waren reiche und turbulente Zeiten; Zeiten in denen ich viel gelitten und gekämpft habe, doch anders als früher kämpfte ich jetzt nicht nur mit irgendwelchen Gespenstern in mir, sondern ich kämpfte auch mit der Welt um mich herum.

Im Tagebuch besteht eine Lücke. Sie ist weniger dramatisch als ich glaubte, doch immerhin: Anderthalb Jahre fehlen. Sie sind im Februar 1985 einem Anfall akuter Verzweiflung zum Opfer gefallen. Die Sache hatte irgendwie mit Andres und meinen Gefühlen der Schwäche und Unterlegenheit ihm gegenüber zu tun.

Erst die Semizeit ist wieder vorhanden; Danvant, mein Auszug aus Riehen, meine musikalische Karriere, meine ersten Zeiten mit Andres, die Zeit an der Sennheimerstrasse, die Zeit an der Gasstrasse und die Arbeit am "Jedermann" im November und Dezember 83 - alles zu irgendwelchen Gasen und zu Asche geworden. Ebenso das Zivilschutzlager Andermatt, meine Versuche als psychologischer Berater (der Ecole d'humanite) im Herbst 83, die Einträge zu Paul Feyerabends "Wider den Methodenzwang", die Skizzen zu "Musik als Ausdruck einer bestimmten Zeit: vom Barok zur Moderne" und anderes. (..). Heute fühle ich das befreiende dieser Tat weniger als auch schon. Eine Befreiung ist es dennoch gewesen, ein Stück Geburtshilfe, denn mehr und mehr habe ich mich in mein Tagebuch verkrochen, habe sowohl mein persönliches Erleben - das ab und auf meiner Stimmungen, das zarte Beben meiner Bedürfnisse und Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte - wie auch das überpersönliche, geistige in diese Ordner hineinverbannt - Eine Sache, das Schreiben, die einmal gut gewesen ist für mich und mir half in Bewegung zu bleiben, wurde zur lähmenden Gewohnheit! Das Zerreissen der Blätter war ein Ausdruck dafür, dass ich nun entschieden mehr in die Welt hineingehen , in der Welt leben und diese spüren will (...)."

Ich kenne ihn noch immer. Viele seiner Träume, viele seiner Schmeerzen und Seufzer sind auch meine Träume, meine Schmerzen und Seufzer, und doch habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr der binn, der ich damals war, jedenfalls nicht mehr ganz und gar. Er, der früher das ganze Haus bewohnt hat, wohnt jetzt in einem Zimmer im Erdgeschoss oder im Keller. Seine Traurigkeit und Schwäche sind nicht mehr so dominant wie früher; aber auch sein Wille, sein Enthusiasmus und seine Zähigkeit sind weniger gegenwärtig. Es ist mehr Ruhe im Haus, mehr Gelassenheit, auch mehr Müdigkeit und mehr Resignation, mehr Stärke also, aber auch mehr Schwäche. Es ist als ob ein Ertrinkender aufgetaucht sei. Jetzt schwimmt er, weniger akut bedroht als vor 20 oder 30 Jahren, mit weitem Horizont und viel Himmel, doch zugleich scheint er in Bezug auf das Ziel der Reise unsicherer geworden ... "Frei wovon, was schiert das Zaratustra? hell soll mir dein Auge künden: frei wozu!"

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Gestern und heute habe ich die 14 oder 15 Ordner mit Aufsätzen, Buchauszügen und ähnlichen Dokumenten zu Geschichte, Pädagogikgeschichte, Psychologie und Philosophie, die ich seit 30 Jahren gesammelt habe, durchgesehen. Das gab wieder drei dicke Bündel Altpapier, die jetzt auf der Treppe draussen auf den 18. August, den Tag der nächsten Papiersammlung, warten. Einiges habe ich behalten: vor allem die zahlreichen Broschüren und Prospekte einzelner Alternativschulen und bildungspolitischer Initiativen der 80er und 90erjahre. Sie sind meinem Herzen noch zu nah, als dass ich sie wegwerfen möchte,und vielleicht werde ich auch noch einmal über diese bewegte Zeit mit ihren zahlreichen pädagogischen Versuchen schreiben. Da können sie als Anschauungsmaterial nützlich sein.

Bei anderen Dingen ist die Lage weniger eindeutig. Da sind die "Thesen zur Integration von Behinderten", ein Papier, welches Michael K. in den 1970er oder in den frühen 80erjahren geschrieben hat, zu einer Zeit also als wir in sehr enger Verbindung miteinander standen. Ich möchte es aufbewahren, um es irgendwann noch einmal zu lesen, aber noch lieber wüsste ich, was Michael jetzt tut, wo er lebt und wie es ihm geht. Als ich vor ein paar Jahren zum letzten mal mit ihm sprach - ich hatte seine Telefonnummer von seiner Mutter bekommen -, wollte er nicht sprechen. Seine Mutter sagte mir, er sei verheiratet, und es gehe ihm den Umständen entsprechend ordentlich. Er sei natürlich ziemlich krank, doch man müsse zufrieden sein.

Jetzt denke ich an Michael, daran, wie ich ihn im Bildungszentrum Sonnenberg im Harz kennengelernt habe. Das war vermutlich im Januar oder Februar 1973, d.h. ein Jahr vor der Matur. Er war zwei oder drei Jahre jünger als ich. Wir verstanden uns sofort ausgezeichnet. ich war beeindruckt von seiner "Wildheit". Er trank massig Bier, spielte die Internationale am Klavier und machte richtig randale, wenn er etwas angetrunken war. Einer, der Power hatte und sich traute! Aber auch einer, der lernen wollte. Ein kritischer Kopf mit viel Potential. Wir sprachen über seine schulischen Möglichkeiten, und er liess sich von mir das Blindenschriftalphabet zeigen. Er war begeistert und gleichzeitig wütend darüber, dass man ihm in der Sehbehindertenschule, in die er damals ging, die Blindenschrift vorenthielt, da er ja nicht blind sei. Das hat man gottseidank in der Zwischenzeit abgeschafft, allerdinhs zu spät für Michael.

Bald kamen seine Besuche in Basel, zuerst noch zuhause am Thiersteinerrain, dann vielleicht an der Florastrasse, ob er dort war, weiss ich nicht. Dann mindestens einmal in Riehen, wo er sich unsterblich in Ingrid verliebte oder war es Barbara. Schwer war es jedenfalls und ein wenig erschreckend für die anderen in der WG.

Während meiner Zeit am Schäferweg - 1984 bis 1988 - besuchte er mich mindestens einmal mit Anja, der endlich gefundenen Freundin. Anja, die Radfahren konnte; Anja mit dem schönen Haar und Anja, die sehen konnte. Michael war damals längst trocken. Als er 17 war hatte ein Arzt ihm gesagt: Wenn Sie so weitersaufen sind Sie in ein paar Jahren tot. Sie haben die Wahl. - Er hörte auf. Angstzustände und Schweissausbrüche, Kreislaufschwankungen und Depressionen begleiteten ihn seither.

Anja war das Mädchen, auf das er schon immer gehofft und an welches er nie zu glauben gewagt hatte! Doch Anja blieb nicht. Michael war zuviel für sie ... Michael zuhause bei seinen Eltern an der Casellastrasse 34 in Frankfurt, wo ich ihn oft besucht habe, und Michael zwei Strassen weiter, in einer kleinen, mit Kassetten und Punktschriftzeitschriften aller Art vollgestopften Wohnung, die Adresse war glaube ich Steinauerstrasse 13 ... Dort war ich seltener. Zum letzten Mal war er für etwa einen Monat an der Landskronstrasse. Das war nach der Trennung von Anja. Die Panikattacken waren zurückgekehrt. Er wollte nicht mehr, nicht mehr Leben, nicht mehr dieses Elend. Und doch. Ich sehe ihn noch vor mir wie er in einem grossen Haufen Brennholz steht, welches wir eben erhalten und sackweise auf unserem Balkon ausgeschüttet hatten. ich hatte ihn animiert, das Holz an der hintern Schmalseite des Balkons zu stapeln. Er traute es sich zuerst nicht zu, doch bald gefiel ihm die Arbeit, und je höher der Stapel wurde, desto grösser wurden seine Freude und sein Stolz. Es war wie 15 Jahre zuvor, als er in unserer Küche am Thiersteinerrain lernte, Omletts zu machen. Anfänglich war er ängstlich, doch er wollte es lernen: Das Gas anzünden, die Eier aufschlagen und das Omlett wenden ... und er lernte schnell! - Ja, den Rothändle rauchenden Michael und unsere langen Gespräche in der kleinen Küche an der Casellastrasse oder vor dem Café am Frankfurter ostbahnhof und unsere Exkursionen in die Stadt oder zum Main, die Spaziergänge entlang der Casellawerke oder die Besuche bei Michaels Oma - all das vermisse ich sehr. Es waren grosse Abenteuer und starke Eindrücke.

Seine "Thesen zur Integration von Behinderten" sind ein Ausdruck des nie aufgebenden Kämpfers. Er wollte es wissen. Er las sich durch Berge von Gesetzestexten und urteilen; neben der Schlafcouch in seinem engen Zimmer an der Casellastrasse stapelten sich Lehrbücher für Cobol und Pascal und die anderen damals gängigen Programmiersprachen, die er im Rahmen seiner Ausbildung im Berufsförderungswerk Heidelberg zu lernen hatte. Die Bücher gab es in Punktschrift. Am Computer arbeitete Michael mit dem "Optacon", eine sehr aufwendige arbeit. Anfang der 1980erjahre gab es Blindenschriftzeilen und Sprachausgabe noch nicht. Doch er war da, zäh und wach. Rappelte sich immer wieder auf ...

Schliesslich lege ich Michaels Thesen ebenfalls zum Altpapier. An Michael und das viele, das wir zusammen erlebt haben, will ich mich erinnern. Die Thesen sind da nur ein kleines Puzzelteilchen, klein und unwichtig. Sie können gehen!

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Dann liegt da ein Text von Fredi Saal über "die Normalität des Behinderten". Ich bin versucht, den Text einzuscannen, bevor ich ihn wegschmeisse. Ich google nach dem Namen und stosse auf einige Hinweise. Dann lege ich auch diesen Text zum Altpapier. Doch was tue ich mit dem Aufsatz über "Passivität und Interesselosigkeit vieler Schüler der gymnasialen Oberstufe", den mein Vater im September 1975 im "Gymnasium Helveticum" veröffentlicht hat? Und was soll ich mit der "Kurzbeschreibung des Schulversucchs Bern-West" und mit den Hinweisen auf die Reform der Neuenburger Primarschule (sechste Klasse neu als Orientierungsstufe) oder den Berichten über die kooperative Oberstufe in Twann, Ligertz und Tüscherz oder die "kooperative Oberstufe Arlesheim" tun? Und was mit den hoffnungsvollen Papieren über die von der nordwestschweizer Erziehungsdirektoorenkonferenz zu Beginn der 1990erjahre propagierten "erweiterten Lernformen" oder mit den von der innerschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz 1984 verabschiedeten "Leitideen für die Volksschule", von denen Armin Behler, mein Kollege am städtischen Lehrerseminar in Luzern, damals so angetan war?

Die Texte haben mich nie wirklich interessiert; ich habe im Grunde schon damals nicht an ihre Versprechungen geglaubt! Ich habe sie nur gesammelt, weil sie die dauernden Reformbemühungen und Reformwellen dokumentieren, mit denen die staatliche Schule sich seit jahrzehnten vorzugaukeln versucht, dass sie sich tatsächlich verändert! Meine Sammlung ist ohnehin nicht vollständig, und jetzt, wo ich die Namen angeführt und damit in mein nächstes Leben hinübergerettet habe, kann ich die dazugehörigen Unterlagen im Grunde wegwerfen ... Gesagt, getan. Es geht darum, mich an die Projekte und Schlagworte zu erinnern.

Das Ausmisten und Wegwerfen geht weiter. Vor ein paar Tagen hatte ich einen Ordner mit Korrespondenz aus den Anfängen der VFSS/ASEN in Händen. Darunter die Einladung zum 1. Alternativschultreffen im Mai 1986 in Luzern und ein Brief von Gilles an michvom November 1990, in dem er mir von der Lernwerkstadt Amazonas berichtet. Ich glaube, es war die erste Kontaktaufnahme mit mir. Ich bin überrascht und beeindruckt, wie viel ich damals getan habe. Schon vor dem Erscheinen des Alternativschulbuches und noch mehr danach. Ich hebe die zufällige Sammlung auf. Zusammen mit einem fast vollständigen Satz von Endlich-Exemplaren - einzig Endlich 3/92 mit dem Titel "la lutte continue" fehlt - und einem Satz der 6 oder 7 Nummern des "Alternativschulinfo Schweiz", das ich vom Sommer 1987 bis Sommer 1990 herausgegeben habe, füllen diese nostalgischen Briefe einen dicken Ordner. Nicht nur meine damaligen Aktivitäten erstaunen mich, sondern auch die akribie, mit der ich die Unterlagen seither registriert und abgelegt habe.

Von einem weiteren Ordner kann ich mich nicht recht trennnen. Ich zitiere das im März 1989 geschriebene Deckblatt: "Gesuche im Zusammenhang mit dem Alternativschulbuch: 1. 25.03.1986: Werkbeitrag. 2. 09.08.1988 Druckkostenbeitrag." Die erhaltenen Druckkostenbeiträge beliefen sich schliesslich auf stolze chf 18,000. Unter den Sponsoren waren der Basler Lotteriefonds mit 5,000, der Migros Genossenschaftsbund mit 2,000, die Sandoz, die Ciba und noch einmal die Volkart-Stiftung mit je 1,000 Franken, sowie - wenn ich mich richtig erinnere - die Spanplattenfabrik Menznau mit chf 5,,000. - Und all diese Belege meines Aktionismus' und meines Erfolgs soll ich jetzt wegschmeissen? Ja, ich glaube, alle - mit Ausnahme des Projektbeschriebs vom September 1985, den meine Mutter noch voller stolz auf ihrem modernen Textbearbeitungssystem ("wang") in der Sandoz gellayoutet hat.

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Ichh bin weiter dabei, die Zwiebel, die mein Leben ist, zu schälen. Immer neue Schichten meiner Vergangenheit werden bloss gelegt. Zum Beispiel 40 oder 50 Punktschriftblätter mit Notizen im Vorfeld meiner Liz-Arbeit. Sie beginnen im Juni 1981. Damals dachte ich an eine Arbeit in der ich der Gegenüberstellung von "intrinsischem" und "extrinsischen" lernen und den damit verbundenen Menschenbildern nachgehen wollte. Die Polarität von Innen- und Aussengesteuert, von Wahrheit als objektiver Grösse, die gelehrt werden kann und muss, und Wahrheit als dem ewig sich verändernden Resultat eines Kommunikationsprozesses ... Das Thema interessiert mich noch heute, und manchmal bedaure ich, dass ich mich damals schliesslich dagegen entschieden und Zuflucht bei dem Thema Paul Geheeb gesucht habe. Das Grundsätzliche schien mir zu schwer, und am pädagogischen Institut der Uni Zürich waren gesellschaftliche und politische Themen dieser Art damals nicht en vogue.

Ich erinnere mich, das ich das Gefühl hatte, zu kneifen, als ich um Weihnachten 1981 plötzlich entschied, über Geheeb zu schreiben. ich erinnere mich jedoch auch an meine Erleichterung und an die Energie, die dieser Entscheid freigesetzt hat. Es war eine echte Not-Lösung. Geheeb ging dann verhältnismässig einfach über die Bühne. Lesen, Menschen interviewen und schreiben. Nach sieben Monaten war die Arbeit fertig und wurde von Professor Widmer ... abgelehnt.

Ich erinnere mich an mein Gespräch mit ihm Ende Juli oder Anfang August 1982: Die Begründung seiner Ablehnung leuchtete mir nicht ein. Ich erklärte, doch er blieb bei seinem Standpunkt. Er wollte unbedingt noch ein paar Kapitel, in denen ich Geheebs Schulkonzept präsentieren sollte. Ich erklärte ihm, weshalb ich dies für ganz überflüssig hielt. Nach einer Stunde fragte er mich, ob das Gespräch gut für mich wahr. Ich sagte sinngemäss "nein und ja. ich merke einfach, dass ich mich ihrer Autorität fügen muss, wenn ich mein Liz bekommen will egal, ob ich mit ihrer Argumentation einverstanden bin oder nicht". Der Gedanke, dass er der mächtigere von uns beiden sei, gefiel ihm nicht. Er klang zu sehr nach Politik und Konflikt. Doch ich habe damals - wie so oft vor- und nachher - nach ein paar Tagen der Krise beschlossen, nachzugeben. Ich nahm das Angebot von Daniel R. an und habe mich drei Wochen lang in dessen Haus in Herzogen Buchsee einquartiert. Dann war der von Widmer gewünschte letzte Teil der Arbeit fertig, und die Gefahr eines Scheiterns war wieder einmal gebannt.

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Unter meinen Punktschriftnotizen gibt es auch viele mit KA bezeichneten Blätter. KA steht für Kabarett. Die meisten dieser Entwürfe habe ich ohne bedauern weggeworfen. Kabarettlebt von der lebendigen Inspiration. Die Texte -oft blosse Fragmente, viele davon aus der zweiten Hälfte der 80erjahre, danach werden sie seltener - mögen für mich damals "gut" gewesen sein. Jetzt kommen sie mir ziemlich unlebendig vor. Beeindruckend ist immerhin, wie hartnäckig ich mich auch als Kabarettist gefordert und gefördert habe. Nach meiner "Première" mit Eric Babista und einigen anderen in der Ecole im Hasliberg 1978 stand ich zwar nie mehr als Kabarettist auf der Bühne, aber ich habe den Traum lange verfolgt. Es gab Anläufe: Einmal allein, einmal mit Thomas Drengwitz und einmal mit Hans Bollhalder und zwei oder drei Mitgliedern der Gruppe, die in Zürich 1991 oder 92 den "Nnarrenplaneten" aufgeführt hat. Ich fand die Produktion damals mühsam, doch vielleicht war sie im Ergebnis weniger schlecht als ich sie fand.

Ein letzter Versuch, als Kabaretist endlich einen Fuss auf den Boden zu kriegen liegt erst 6 oder 7 Jahre zurück. Anlässlich einer der Kampagnen zum Behindertengesetz odr zur so und so vielten IVG Revision wurden in Basel ein paar behinderte Menschen gesucht, die Lust hätten, in einem Kabarett mitzumachen. Die Sache lag in professionellen Händen: Roland Suter sollte ein Programm mit uns entwickeln. Das klang gut, denn meine kabaretistischen Versuche waren stets daran gescheitert, dass keiner da war, der die Flut meiner Ideen und meine Spielfreude in eine brauchbare Form bringen konnte. Ich hoffte also auf Roland. Unser erstes Gespräch stimmte mich optimistisch, doch als wir von der Theorie zur Praxis schritten war ich bald so ernüchtert, dass ich aus der Gruppe austrat. Seine Ideen schienen mir so flau und sein Talent, mit dem von uns kommenden ideenfluss zu arbeiten war so gering, dass ich keine Lust hatte, weiter mitzumachen. Das von der Gruppe erarbeitete Programm war schliesslich noch viel schwächer und peinlicher als ich mir damals habe träumen lassen. Schlecht gespielt, kaum verständlich und in 20 Minuten höchstens zwei oder drei Momente, bei denen ich wenigstens einen schwachen Anflug von kabarettistischem Querdenkergeist gespürt habe. Ich glaube, dies war im Jahr 2003; seither habe ich in Sachen Kabarett nichts mehr gemacht, obgleich: manchmal dünkt mich, ich sollte ...

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Ich habe im Zuge der grossen Aufräumerei auch noch einmal viel Zeit in das "Näfsche Familienarchiv" gesteckt, mit hilfe von Roswita eine Übersicht erstellt und alles dachbodenfähig verpackt. Alles Material liegt jetzt in schönen Archivboxen und Mappen. Ich bin froh. Endlich ist Ordnung. Auch der Text über August Bilse nimmt langsam Form an. Am Sonntag sass ich den ganzen Tag über diesem Leben. Aber ich spühre auch die Angst, die näher kommt. je leerer die Wohnung wird.

Die ganzen romantischen Ideen von bretonischen oder englischen Klippen und venezianischen Dachzimmern ist doch Unsinn. Unterm Strich läuft doch alles darauf raus, dass ich in irgend einer fremden Stadt angestrengt durchs Dunkel tappe und nach einem Morgenkaffee suche ... Nichts von "heiter Raum um Raum durchschreiten". Danach klammere ich mich den ganzen Tag an mein kleines Net-Book und presse mir irgendwelche Texte ab, die dann auf ewig in dem Dingg stecken -, lange, nie veröffentlichte Gedankenreihen eines Suchenden oder besser: eines Verlorenen, eines, der sich immer mehr auflöst und in den Ungereimtheiten dieser Welt verschwindet. Staub in einer riesigen Wolke von Staub. - Ich spüre den Hauch von Unbehagen und Verzweiflung. Das Wort "sozialer Selbstmord" und "Entleiben" geht mir durch den Kopf. ich stehe vor meinen morbiden Gedanken und sehe den angestrengt dahintappenden blinden Mann auf der Suche nach einem Becher Kaffee.

Weshalb setzt er sich nicht auf die Treppenstufe, die er eben mit seinem weissen Stock berührt hat? Weshalb ruht er sich nicht ein wenig aus und spricht mit der Frau, deeren Arm er soeben gestreift hat. Weshalb zieht er keine Flöte aus seiner Tasche und gibt dem Tag die zeit, die er braucht, sich zu entfalten? Weshalb bittet er den freundlichen Menschen, der eben "bonjour" sagte, nicht, ihn zu einer Bar oder einem Restaurrant zu bringen? Weshalb geht er an der Treppe vorüber mit seinem weissen Stock und die Strasse entlang, vorbei am Restaurant und vorbei an der Bar, den Kopf etwas vorgestreckt und zugleich eingezogen zwischen seine Schultern als ob er ganz allein ist auf der Welt. Er geht wie ein Insekt. Niemand da, nur er und Kafka, sein Erfinder. Ja, weshalb? Die Gewohnheit des zum Einzelkämpfer gewordenen modernen Menschen. Endstation des viel gelobten Prozesses der Emanzipation des Individuums aus all seinen Bindungen. Armes Individuum. Mitleid befällt mich, wenn ich dich so dahintappen sehe, allein, ohne Kontakt, auf ein leeres Ziel zugehend, ein Ziel, das du nicht kennst, und das dich nicht interessiert!

Mitleid befällt mich, wo die Welt doch voller Menschen ist! Lache, Individuum, lache und sprich mit ihnen und fasse sie an. Beanspruche sie, hilf ihnen und bitte sie, dir zu helfen! greife durch die Gitterstäbe des Käfigs, in dem du gefangen bist... Frag deine Wirtin nach einem Weg zu den Klippen. Nimm dir die Zeit, sie zu finden. Nimm die Flöte mit, nicht dein Net-Book. Sprich mit dem Himmel, den Bäumen, den Steinen und erst, wenn du zurück bist in deinem Zimmer, sprich mit dir, wenn du willst. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten ... nicht rennen, nicht marschieren .., aber auch nicht schleichen wie ein Dieb! es kann langsam gehen, ja vielleicht ist es gut, wenn es langsam geht ... wenn du langsam gehst oder gar stehen bleibst, doch nicht schleichen wie ein Dieb, nicht schambedrückt und nichtohne nach links und rechts zu blicken!

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Es ist fünf Uhr morgens. Ich sitze auf dem alten Sofa, das vor vierzig Jahren neu war. Es kam, als wir an den Thiersteinerrain zogen, ein Zeichen von Konfort und sozialem Aufstieg. Wahrscheinlich sass Christian L. darauf, als ich ihm drei vier Jahre nach unserer Matur verängstigt und voll Scham von meinem Schwulsein sprach, und wahrscheinlich sass auch Michael K. bei unseren langen und intensiven Gesprächen über die Gesellschaft, das Blindsein und Gott und die Welt ein paar Mal auf diesem Sofa.

In wenigen Tagen, spätestens in zwei Wochen wird Corin das Sofa mit nach Marokko nehmen. "So etwas kann ich dort verkaufen", sagte sie als sie mitte August drei Bananenschachteln mit Geschirr aus Rosi's Wohnung in Wien abholte. Kassetten nicht, aber so ein Sofa, ja. Hier bei uns würde es vermutlich von keinem Brockenhaus genommen, aber in Marokko, dagilt als schick, was wir wegwerfen. Es ist scheinbar eine Win-Win-Situation -, scheinbar, denn im Grunde beschleunigt und verschleiert diese Art der Entsorgung lediglich den grossen Wegwerfmaraton, den wir modernes Leben nennen.

Ich lag die ganze Nacht wach. Zuerst habe ich Forsyths "der Veteran", eine für ihn ziemlich untypische Geschichtensammlung fertiggelesen. Danach noch ein wenig "la Métaphysic des tubes". Zwischendurch einige vergebliche Versuche einzuschlafen. Nichts zu machen, statt Schlaf kamen Schwermut und Traurigkeit. Ich denke an Christian S., der vergangenen Samstag hier war und sich mein Klavier angeschaut hat. Er wird es vielleicht in Obhut nehmen, solange ich weg bin. Er ist 27, studiert Nanotechnik oder so etwas ähnliches, wirkt eher ruhig und nachdenklich und spielt sehr lebendig und interessant. Er hat mich eingehend nach meinen Plänen befragt. Ich habe ihm viel erzählt, vielleicht zuviel - nicht für mich, aber für ihn. Ich weiss noch nicht, ob er sich für das Klavier entscheidet, aber ich weiss, dass ich mich in ihn verliebt habe oder etwas anders, vielleicht genauer gesagt, dass er in mir eine ganze Schar von Sehhnsuchtsvögeln aufgescheucht hat, Vögel, die sonst ruhig in meinem Innern sitzen und jetzt alle zu ihm wollen: Ein Mensch, ein Mann. Arme. Verständnis. Gemeinsame Freude an der Musik, am Nachdenken ... Ein ernsthafter, suchender Mensch, der wissen will, weshalb er eigentlich hier ist, und weshalb ich hier bin, einer, den ich gerne an meiner Seite hätte ...

Eine oder zwei Wochen vor dieser Begegnung waren die Sehnsuchtsvögel schon einmal aufgeflogen. Es war in einer der letzten warmen Nächte im Park nach einer Reihe schöner Begegnungen. Ich war am gehen, als mich einer der Männer, mit denen ich mich vorher getummelt hatte, umarmt hat - innig, fest, ernst. Ich weiss nicht, wie ich es sagen soll: als ob er mich festhalten wollte, als ob ich ihm etwas bedeute ... Ich genoss es, liess mich ein und ... ging, denn, naja, ich hatte bereits beschlossen, zu gehen, und es gab keinen Grund zu bleiben ... Dass es auch keinen Grund zum Gehen gab, hatte ich vergessen.

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Am 29. Sebtember 2010 um 16:00 ist Wohnungsabnahme. Bis dann drängen sich die Termine. In zweieinhalb Stunden kommt Zoe, eine Nichte von mir, um ein wenig beim Putzen zu helfen. Morgen um 17:00 ist Abschiedsparty - Bazzar und letzte Worte ... Keine Ahnung wer alles kommen wird, doch es scheinen mehr zu werden, als ich dachte, und ich muss mich tatsächlich auf Party und auf gemütliches Zusammensein einstellen und kann mich nicht ins Organisieren zurückziehen. Am Dienstag ist Kleidersammlung. Die könnte ich evtl. heute bereit machen. Danach kommt Laurin, einer der Neffen. Wir stellen alle Sperrgutsachen auf die Strasse. Am Mittwoch kommen die Zügelmenschen, zwei Taglöhner, um das Möbel in der Stube und den Glasschrank sowie alle Kisten und Kasten abzuholen und zu Werner und an die Ferberstrasse zu bringen. Am Donnerstag ist Metallabfuhr ... Offen ist noch die Putzerei, vor allem Bad und Küche müssen noch etwas gerubbelt werden. Rene hat seine Hilfe angeboten, doch bei ihm habe ich oft das Gefühl, er will vor allem seine einsame Seele wärmen ... Allerdings wäre das Plättli Schrubben in der Küche eigentlich ein idealer Job für ihn. Blinde muss man ja auch beschäftigen ... Ich schähme mich ein wenig, denn ich bin ja so blind wie Rene.

Der Count Down läuft weiter. Alles hat geklappt wie vorgesehen. Die Haushaltsauflös- und "Nimm-was-du-brauchen-kannst"-Party war gemütlich. Einige von den auf- und ausgestellten Dingen sind tatsächlich in andere Hände übergegangen. Die Lederjacke, die ich vor Jahren von Frank erhalten habe, ist jetzt bei Davide, und die alte Geige - der Sage nach von Grossbaba - hat Julia voller Freude mitgenommen. Die Valia ist bei Monika und Thomas hat einen Krug und eine Wase mitgenommen. Urs und Pina werden auch noch einiges bekommen. Ihre Dinge stehen noch da - bald das einzige, was noch hier ist.

Heute früh kam Coni und hat das Sofa abgeholt. Es wird mit ihr nach Marokko fahren und entweder in ihrer oder einer anderen Stube weiterleben. Martin Denz hat meinen alten Fürstrucksack geflickt... So geht alles auf und in ein paar Tagen werde ich auf der Strasse sein.

Es war schön, von dem Aufbruch zu reden. Jetzt, wo er real wird, fühle ich die Begeisterung dieser Zeit nicht mehr. Ich bereue meinen Entscheid nicht, doch spüre ich jetzt die Härtte dieser Massnahme. Ich spüre auch die Einsamkeit, die in dem ganzen Unternehmen steckt. Weggehen, allein. Nichts und niemand, der mich hier hält. Nichts zu tun, keine freundschaftlichen Bande, die mir wichtig genug wären ... Auf meinem Pferd, der Neugier, sitze ich und trabe dem leeren Horizont entgegen. Am Abend erzähl ich mir, was ich erlebt und nicht erlebt habe, schreib's auf und klapp den Deckel meines Netbook zu ... Nur ich mit mir allein. Der Prototyp des westlichen Individuums. Also sattle das Pferd und reite fröhlich in die Zukumft -, hüh Pferd, es geht los!

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Copy 2010, Martin Näf